Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683

350 Sturminger, Am 22. Juli sandte der im türkischen Lager gefangen gehaltene kaiserliche Resident bei der ottomanischen Pforte, Georg Freiherr v. Kunitz, der den ganzen Zug der Türken von Adrianopel bis Wien mitmachen hatte müssen, seinen Diener Jakob Heider mit einem Briefe heimlich in die Stadt*) und Starhemberg fand an dem gleichen Tage Gelegenheit, einen Brief abzusenden, der schon am 23. Juli in die Hände des Herzogs von Lothringen gelangte. Ob dieser Brief durch Vermittlung Heiders expediert wurde, ist unbekannt * 2). Schon am nächsten Tag sandte das in Wien befindliche Geheime Deputierten-Collegium an Kunitz einen Brief zur Weiterbeförderung an den Lothringer 3). Am 25. Juli fertigte Starhemberg einen unbekannt gebliebenen Kundschafter mit einem Rapport in das kaiserliche Hoflager nach Passau ab 4). An dem gleichen Tage versuchte Jakob Heider, der Diener des Residenten Kunitz, der sein Zelt bei der Laimgrube hatte, sich wieder in die Stadt einzu­schmuggeln, er wurde aber in der Roßau aufgegriffen und dem Großwesier vorgeführt. Unterwegs gelang es Heider glücklicherweise, sich des Briefes zu entledigen, er gab beim Verhör an, sein Herr habe ihn ausgesandt, Wein zu besorgen. Er wurde zunächst in Arrest gesetzt, später aber freigelassen5). Nun riß die Verbindung wieder ab, wahrscheinlich waren die Türken wachsamer geworden. Erst in der Nacht zum 5. August überbrachte ein der türkischen Sprache mächtiger Reiter des Kürassierregimentes Caraffa ein Schreiben des Herzogs von Lothringen 6). Am 8. August fand sich der Leutnant des Heisterschen Fußregimentes, namens Michael Gregorowitz, welcher schon einmal bei den Türken gefangen war und später in die Stadt entfloh, bereit, mit drei Briefen zu Herzog von Lothringen zu gehen. Als Belohnung wurde ihm die erste erledigte Kompanie zugesagt. Gregorowitz kam als Türke verkleidet glücklich durch das türkische Lager und durch den Wienerwald, er erreichte über Herzogenburg das kaiserliche Lager bei Mautern, wo er die drei Briefe übergab. Diese Briefe kamen erst am 16. August in die Hände des Lothringers 7). In Wien selbst war man seit dem 5. August, da der Caraffa-Kürassier hereingekommen war, ohne Nachricht vom Lothringer und der ersehnten Sammlung des Ersatzheeres, da die hinausgesandten Kuriere entweder abgefangen wurden oder nicht mehr zurückkehrten. Da fand sich am 13. August der Orientwarenhändler Georg Franz Kolschitzky, der vor der Belagerung in der Leopoldstadt Nr. 47, heute Große Pfarrgasse 20, gewohnt hatte und nunmehr in der Freikompanie der Gastwirte unter dem Hauptmann Ambrosius Franckh diente, unter großen Versprechungen seitens Starhembergs und des Wiener Stadtrates bereit, mit Briefen zu Herzog von Lothringen zu gehen und mit Nachrichten von dort wieder zurückzukehren. In den gleichzeitigen Berichten und in allen Geschichtsbüchern und Abhandlungen über die zweite Türkenbelagerung Wiens kann man lesen, daß Kolschitzky am 13. August 1683 in Begleitung seines Dieners — erst in späteren Werken ausdrücklich, aber fälschlich Georg Michaelowitz genannt — in der Nacht bei stürmischem Regen wetter zur Geschichte des Türkenjahres 1683“ in MIÖG., Erg. Bd. XIII, eftH 1, S. 131; (deutsch) „Bericht über die Belagerung der Stadt Wien im Jahre 1683. Von einem Offizier der Garnison.“ Übersetzt von Dr. Stefan Hofer im Jahresbericht des Realgymnasiums der Theresianischen Akademie, Wien 1936/37. x) Hocke, S. 58; Kriegsjahr, S. 165. 2) „Récit du Secours de Vienne en l’Année 1683 et des autres actions et progres des armées imperiales dans cette merne année.“ H. H. u. St. A.-Lothringisches Hausarchiv, Rep. XVII. II. Abt. 16. — Récit des Campagnes de Son Altesse Serenissime. (Fast identisch mit „Réponse d’un officier de l’armée de l’Empereur ä un général espagnol, contenant le détail des actions de la Campagne de 1683“. — Kriegs­archiv — Inl.C.I. Wien 3, Mem., Nr. 3, veröffentlicht in Stöller Ferdinand, „Neue Quellen ...“ in: MIÖG., Erg. Bd. XIII, Heft 1, S. 23.) 3) Kriegsjahr, S. 166. 4) Kriegsjahr, S. 168. 5) Hocke, S. 65; Kriegsjahr, S. 168. 6) Hocke, S. 91; Kriegsjahr, S. 177. 7) Hocke, S. 105, Kriegsjahr, S. 185/186; Archiv des Stiftes Herzogenburg. Maurer Joseph: Cardinal Leopold Graf Kollonitsch, Primas von Ungarn. Sein Leben und Wirken ... Innsbruck 1887, S. 157—162.

Next

/
Thumbnails
Contents