Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels
Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels. 175 Die Visitation des Kapitels durch den Dekan. Cap. 3. Singulis quoque annis (decanus) clerum Brixinensem saltem semel vel saepius, si opus sit, diligenter visitet, ut in eo vigeat vitae et morum honestas, gravitas, modestia, sobrietas, ipsorum domus integrae et mundae, urbaria, inviolata ac sine iactura conserventur, deperdita recuperentur, destructa reparentur, defectus corrigantur, delicta castigantur et emendentur 1). Das DK ging also mit Strafmaßnahmen vor nicht bloß gegen alle Übertretungen der Statuten, sondern auch soweit es sich um Vergehen gegen die klerikalen Standespflichten handelte, welche durch das Konzil von Trient2) und durch die Dekrete der Diözesansynoden vorgeschrieben waren 3), nicht aber, wenn es sich um Vergehen handelte, die bei Ausübung der Weihegewalt oder bei Sakramentenspendung begangen wurden 4). c) Welche Strafen konnte der Domdekan verhängen ? x) Diese Bestimmung ist wohl deshalb in den Statuten von 1622 aufgenommen worden, um ein Strafvorgehen des Bischofs, welcher auf Grund des Dekretes Sess. XXV, cap. 6 de ref., und Sess. VI, cap. 4 de ref., auch über die exempten Kapitel die volle Strafgewalt hatte, zu verhindern. 2) Prot. Cap. V, b, 133 (1572 V 7). Das DK erläßt ein Dekret gegen die Konkubinarier, worin die Bestimmungen der Sess. XXI, cap. 6 de ref., und Sess. XXV, cap. 14 de ref., durchgeführt werden und der Klerus der Kathedrale und der Stadt Brixen aufgefordert wird, ihre Konkubinen zu entlassen. Ungehorsamen wird nach einmaliger Ermahnung ein Drittel der Einkünfte entzogen, nach zweimaliger Ermahnung werden alle Einkünfte entzogen, nach dreimaliger fruchtloser Ermahnung werden sie des Benefiziums verlustig erklärt. Prot. Cap. VI a. 39’ f. (1577 II 6). Das DK beschließt, dem Domdekan zwei DHH zur Seite zu stellen zur Durchführung der Strafmaßnahmen des Tridentinums und bestimmt, daß „concubinarii incorrigibiles“ durch „publicum mandatum“ als solche gebrandmarkt werden sollen, und wenn sie sich nicht bessern, sollen sie auf den Pranger gestellt werden. Prot. Cap. V b, 59’ (1562 XII 16). Vor dem gesamten Klerus der Stadt „capitulariter convocatum“ erläßt der Domdekan ein Dekret, daß alle Kleriker und Geistlichen wenigstens einmal im Monat beichten müssen, die Konkubinen entlassen und das Gasthaus meiden sollen unter Androhung des entsprechenden Entzuges des Pfründeneinkommens oder der amotio. Prot. Cap. VI a, 139 (1580 VII 29). Entsprechend den Kapiteldekreten wird der Benefiziat Leopold Stoll durch das Dekanalgericht „officio et beneficio privatus propter incontinentiam et incorrigibilitatem“. 3) Vor dem Tridentinum haben die Diözesansynoden dem DK ausdrücklich dieses Recht zuerkannt. Bickel G., Synodi Brixinenses saeculi XV. In der Synode von 1449, cap. 1, heißt es: „Beneficiati concubinarii sint ipso facto suspensi a perceptione fructuum beneficii ... si vero clericus beneficiatus non fuerit, time ad arbitrium condigna poena mulctetur a suo superiore fabricae eiusdem ecclesiae cathe- dralis convertenda. Quod si concubinam non dimittat intra quindenam . . . decernimus esse beneficio suo privandum. Non beneficiatum vero recidivum decernimus fore incarcerandum et mulcta condigna pro fabrica praedicta puniendum iuxta sui superioris arbitrium. Quod si illi, ad quos de iure vel privilegio vel consuetudine talium correctio pertinet, corrigere neglexerint ... in ipsos pro neglectu, quam in illos pro concubinatu modis omnibus digna punitione animadvertere curabimus . . ..“ Nach dem Tridentinum ist keine Bestimmung einer Diözesansynode gegeben worden, welcher dem DK ein selbständiges Vorgehen gegen Amtsvergehen ihm untergebener Kleriker eingeräumt hätte. Denn de iure communi stand das Strafvorgehen gegen Konkubinarier nur dem Bischof zu (Sess. XXI, cap. 6 de ref.). Trotzdem hat das DK auch nach dem Tridentinum dieses Recht selbst ausgeübt. 4) Prot. Cap. Vila, 168 f. (1581 VI 2): Ein Dombenefiziat erteilt die Haustaufe. Es entsteht ein Streit zwischen Domkapitel und Bischof über die Kompetenz, diesen Benefiziaten zu strafen. Das DK sieht es als Disziplinarvergehen, also zu seiner Strafkompetenz gehörig an, weil es nur eine Privattaufe ist. Der Bischof sieht es als ein Vergehen in der Ausübung der priesterlichen Funktionen an und beansprucht für sich das Strafvorgehen. Das DK beschließt: „Für dieses mal“ erlaubt es das Kapitel, daß der Bischof ihn „ad tempus suspendieren kann“, „quia delictum circa administrationem sacramentorum commissum est“. Die „poena corporalis“ aber verhängt der Dekan. Vgl. Rapp L., Die Statuten der Synode von Brixen im Jahre 1511, cap. XVII: „Baptismus extra ecclesiam . . . non conferratur, nisi essent Regium vel Principum liberi.“