Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels

Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels. 165 Wenn also der Domdekan schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts seine Jurisdiktion über das Kollegiatkapitel ausübte, so mußte ihm diese um so mehr über die unmittelbaren Mitglieder des DK zustehen. Im Jahre 1297 brach zwischen Bischof und Kapitel ein heftiger Streit aus wegen der Jurisdiktion des Dekans *). Bischof Landulph forderte vom DK freie Hand, den DH Magister Bertholdus wegen seiner ärgerniserregenden Vergehen zu bestrafen: „petimus, quod cum magister Bertoldus adeo viles excessus exercuerit et enormes, videlicet crimen adulterii et etiam quendam vulneravit, prout vobis constat, quod de iure possit pecuniariter condempnari et ab officio suo suspendi nos non debeatis aliquatenus impedire ...“2). Das läßt vermuten, daß der Dekan schon damals Strafgewalt hatte über den zum Kapitel gehörigen Klerus, außer bei „excessus enormes“, welche ausschließlich dem Bischof zur Bestrafung Vorbehalten waren. Vielleicht ist dieser Streit aus dem Grunde entstanden, weil das DK den Ehebruch eines Geistlichen nicht als „causa criminalis“ bzw. als „crimen enorme“ betrachtete, während der Bischof, nach der alten Disziplin vor dem 12. Jahrhundert, den Ehebruch von Klerikern als „crimen maius“ ansah 3). In derselben Urkunde fordert der Bischof das Visitationsrecht und Korrektionsrecht gegen den Spital ver waiter zum Hl. Kreuz in Brixen, den Chorherrn Friedrich4). Der Bischof verlangt: „petimus, cum ex officio nostro visitare et corrigere totum clerum nostre civitatis et diocesis debeamus, petimus, quod cum hospitalarius Brixinensis se in huiusmodi visitatione et correctione ac aliis attinentibus contumacem offerat et rebellen nostro nos gaudere officio permittatis sin autem brachio seculari quo gaudemus imperialibus privilegiis ipsum ad obedientiam debitam potenter et rationabüiter constringemus.“ Bischof und DK kamen darin überein, den Streit durch eine Kompromißlösung bei­zulegen 5). Daß aber eine solche nicht zustande kam, ist daraus ersichtlich, daß Bertold im Jahre 1289 VI 5 mit anderen DHH als Kläger gegen Bischof Landulf vor dem Erzbischof von Salzburg erschienen war. Vom Ausgang dieser Verhandlungen ist nichts bekannt 6). Im Jahre 1333 erwachte ein neuer Jurisdiktionsstreit zwischen Bischof und DK, welcher sich aufs heftigste steigerte. Konrad, Spitalverwalter und ein anderer Konrad, Chorherr im Kreuzgang, wollten die Gerichtsbarkeit des Bischofs nicht anerkennen, weil sie dem Dom­dekan unterstünden. Der Bischof ward gereizt durch die Widersetzlichkeit der beiden und belegte letzteren Konrad mit der Exkommunikation. Bischof und DK wandten sich an den Papst Johann XXII. zu Avignon. Während der Streit durch das päpstliche Gericht unter­sucht wurde, kam es in Brixen sogar zu blutigen Schlägereien. Die DHH baten den Stifts­vogt, König Heinrich von Böhmen, um Schutz. Doch mußten sie schließlich der Gewalt des Bischofs weichen und aus der Stadt fliehen 7). Inzwischen wurde der Prozeß vor der Römischen Kurie geführt. Papst Johann XXII. beauftragte den Petrus Burgundionis de Romanis, Auditor causarum sacri Palatii, den Rechtsfall zu entscheiden und den vom Bischof exkommunizierten Konrad von Truento loszusprechen. Aus dem päpstlichen Schreiben geht hervor, daß der Bischof die volle Straf­gewalt über den Klerus der Stadt behauptete: ,,... ad se solum et in solidum pertinere et spectare dicebat correccionem, cohercionem quorumcumque excessuum ac omnimodam iurisdictionem et super canonicos et alios beneficiatos x) Santifaller, UB, II, n. 30; Santifaller, DK, S. 279; Sinnacher, V, 36; Tinkhauser, I, S. 45, n. 7; DKA, Lade, 80. 2) Santifaller, UB, II, n 30. 3) c. 10, 11, D L XXXI: adulterium crimen maior.; c. 4, X, II, 1: adulterium crimen minor. 4) DKA, Lade 48: Reihenfolge der Spital Verwalter. 5) Santifaller, UB, II, n. 30. 6) Sinnacher, V, S. 39. 7) Sinnacher, V, S. 139.

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