Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 56. Rudolf Till (Wien): Der Sicherheitsausschuß des Jahres 1848

114 Till, In den späten Abendstunden versammelten sich nach und nach die herbeigeholten Deputierten im großen Rathaussaal und es kam zuerst zur Beratung, wie der neue Ausschuß zu benennen sei. Um ihn nicht mit dem alten Sicherheitsausschuß zu verwechseln, schlug Dr. Taussig die Bezeichnung „Wohlfahrtskomitee“ vor. Andere Vorschläge gingen dahin, ihn „Vermittelndes Komitee zwischen Volk und Ministerium“, „Zentralkomitee der Bürger, Nationalgarden und Studenten“ oder „Vertrauensausschuß“ zu nennen. Nach längerer Debatte einigte man sich auf Vorschlag Dr. Taussigs, ihn nach dem Namen der Mitglieder zu benennen, aus denen er zusammengesetzt sei und es wurde die Bezeichnung „Ausschuß der Bürger, Nationalgarden und Studenten für Aufrechterhaltung der Ruhe, Sicherheit und Ordnung und Wahrung der Rechte der Völker“ beschlossen. Im Volke, in der Presse und selbst im behördlichen Verkehr hieß er weiterhin doch kurz „Sicherheitsausschuß“. Noch in derselben Nacht ging der neue Sicherheitsausschuß in nähere Beratungen über die Maßnahmen zur Wiederherstellung geordneter Verhältnisse und über seine Forderung an das Ministerium ein. Das Ministerium beriet am 27. Mai darüber und gewährte sie zum Großteil1). Noch am selben Tage stellte es an den Sicherheitsausschuß die Aufforderung, ihm die Bürgschaften für die Sicherheit des Kaisers und der kaiserlichen Familie bekannt zu geben, stellte das gesamte Staatseigentum und das des Hofes, alle öffentlichen Sammlungen, Anstalten, Institute und Körperschaften unter den Schutz des Sicherheitsausschusses, erklärte ihn unabhängig von jeder anderen Behörde und übertrug ihm die volle Ver­antwortung für die öffentliche Ruhe und Ordnung, sowie für die Sicherheit der Person und des Eigentums. Ein volles, reiches Maß von Machtbefugnissen, aber auch von Verant­wortung wurde an diesem Tage in seine Hände gelegt. Weit ging sie über die ihm ursprünglich zugedachte Aufgabe hinaus. Aus dem einfachen Sicherheitsausschuß wurde ein mächtiges Volksorgan, wurde in Wirklichkeit bald die eigentliche Regierung Wiens. Der am 26. Mai geschaffene Sicherheitsausschuß war eigentlich als ein Provisorium gedacht. Um den Ausschuß definitiv zu gestalten, erging an die einzelnen Kompanien der Nationalgarde die Aufforderung, Wahlen von Vertretern für den Sicherheitsausschuß vorzunehmen. Diese Aufforderung hatte zunächst wenig Erfolg. Viele Kompanien hatten infolge der Ereignisse des 26. Mai keine Hauptleute und waren desorganisiert. Es dauerte daher einige Tage, bis Vertreter in den Sicherheitsausschuß entsendet werden konnten. Im Ganzen waren 234 Vertreter vorgesehen, u. zw. je ein Vertreter der 40 Kompanien der Akademischen Legion, der 136 Kompanien der Nationalgarde, der 34 Kompanien der Bürgermiliz und der 4 Eskadrone der Bürger und Gardekavallerie. Dazu kamen noch 20 Vertreter des Gemeindeausschusses. Am 1. Juni konstituierte sich der neue Sicherheits­ausschuß formell 2). Zum Vorsitzenden wurde Dr. Fischhof gewählt, ein 1816 in Budapest geborener Mediziner, der seit 1846 in einer bescheidenen Stellung als Sekundararzt im Allgemeinen Krankenhause tätig war und durch die Märzereignisse rasch bekannt wurde 3). Seine Stellvertreter wurden Freund und Hornbostel. Zu Sekretären wurden Dr. Schiel, Dr. Hruby, Dr. Hofer und Dr. Klucky gewählt, zu Schriftführern Dr. Heidemann, Dr. August Bach, Dr. Stupper und Dr. Willner. Laut Ministerialdekret vom 6. Juni wurden auch die Nationalgarden der außerhalb der Linien, jedoch im Wiener Polizeibezirke gelegenen Ortschaften ermächtigt, Deputierte in den Ausschuß zu wählen. Die Funktionsdauer der Deputierten, die mit Stimmen­mehrheit in den einzelnen Kompanien gewählt wurden, war für die Zeit des Bestehens des Sicherheitsausschusses gedacht. Doch fand in den folgenden Wochen schon aus den ver­schiedensten Gründen ein häufiger Wechsel statt. Bedauerlicherweise wurde kein voll­ständiges Namensverzeichnis der Mitglieder des Sicherheitsausschusses angelegt. Es war *) Staatsarchiv, M. R. Protokoll vom 27. Mai, 962/48. 2) Reschauer, a. a. O., 11/323. 3) Charmatz R., Adolf Fischhof. Das Lebensbild eines österreichischen Politikers. Stuttgart 1910.

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