Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 5. Karl Lechner (Wien): Das Archiv der ehemaligen Propstei Gloggnitz, seine Geschichte und seine Bestände, nebst Regesten

Archiv der ehemaligen Propstei Gloggnitz. 91 Auf Ersuchen des damaligen Besitzers wurde von einer Unterschutzstellung dieser Archi­valien abgesehen! So macht uns also die vorliegende Abhandlung bekannt mit einem zum Großteil über­haupt unbekannten, zum geringen Teil verloren geglaubten Archivbestand. Alter und Inhalt der Handschriften und der Urkunden stellen hochbedeutsame Werte dar und geben reichen Aufschluß über die verschiedensten Gebiete des kirchlich-religiösen, des kulturellen, recht­lichen und wirtschaftlichen Lebens, nicht zu reden von der rein landeskundlichen und topo­graphischen Aufhellung, die eine „geschichtliche Landschaft“ Niederösterreichs erfährt. Aber auch vom Standpunkt der Urkundenlehre und der Siegelkunde liefern sie wertvolle Erkenntnisse. Wir lernen unbekannte Papst- und Bischofsurkunden sowie solche der öster­reichischen Landesfürsten kennen. Die Archivgeschichte einer verschollenen Königsurkunde (1141) erfährt eine neue Beleuchtung. Eine Reihe von unbekannten Urkunden stammt aus dem 13. Jahrhundert. Vor allem aber ist es die Geschlossenheit des Bestandes, durch 700 Jahre hindurch, die besonders gute Einblicke in die geschichtliche Entwicklung vermittelt. Das gilt für die rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Gebiete ebenso wie für die Siedlungsgeschichte, die Orts- und Flurnamenkunde usw. Die innere Geschichte und die Besitzgeschichte des Klosters Formbach, vor allem aber der Propstei Gloggnitz, werden weitgehend aufgehellt; auch das Verhältnis von Mutter (Kloster) und Tochter (Propstei). Welche Schlüsse über die Besitz- und Hoheitsrechte des Gründergeschlechtes von Formbach-Gloggnitz und der Territorial­herren dieses Gebietes, der Grafen von Formbach-Pütten, aus dem Material zu gewinnen sind, werde ich an anderem Orte aufzeigen. Neben dem archivalischen Material und der inhaltlichen Erkenntnis daraus, soll auch die formale Erkenntnis nicht übersehen werden, die Leistung, die im Bewahren dieser Schätze durch Jahrhunderte gelegen ist, die Sorge um das Archiv der Propstei, seine Inventarisierung und Registrierung *). Dazu gehört zu einem gewissen Grade auch jene im 19. Jahrhundert, während im 20. Jahrhundert ein gewisser Verfall zu verzeichnen ist. Was heute im nieder­österreichischen Landesarchiv erliegt, bzw. was früher schon an Herrschaftsbüchern in das Archiv für Niederösterreich gekommen ist, ist wertvoll genug, um als Grundlage für weitere Forschung zu dienen. Nachtrag. Ich hatte im Manuskript des vorliegenden Aufsatzes beim Abschnitt über die Verluste an Urkunden gegenüber dem noch 1790, laut Gloggnitzer Archivindex, vorhandenen Bestand im besonderen von einer Gruppe von 12 Urkunden gesprochen, die zusammen mit drei Handschriften am 30. November 1921 von dem damaligen Besitzer des Gloggnitzer Archivs, Herrn Arthur Richter, dem Hauptstaatsarchiv in München zum Kaufe angeboten worden Erwähnt seien noch eine Urkunde Bischof Brunos von Olmütz, womit er einen Streit mit den Tempelherren über die Pfarrechte in Michelsdorf (Bezirk Landskron) entscheidet, 1269 X 25, und ein Schreiben der Herzogin Katharina von Burgund (Gemahlin Herzog Leopolds IV.) an den Stadtrat von Wien bezüglich Verleihung eines Stadels vor dem Stubentor (1419 VIII 11). *) Aus unserem Material ergibt sich — abgesehen von den schon oben (S. 80) angeführten — noch mancher wertvolle Hinweis auf die Geschichte des Gloggnitzer Archivs. Daß schon 1356 bei einem reinen Gloggnitzer Geschäft vom „Urbarbuch“ die Rede war (Urkunde Nr. 44), haben wir gehört. Die Urkunde von 1276 über die Vogtei in Mönichwald erlag, zumindest im 16. Jahrhundert, in Gloggnitz. In einem „Inventar über die Propstei Gloggnitz“ vom Jahre 1704 (Urkunde Nr. 187) werden unter „Schrifftliche Documenta vndt Grundtbuecher“ unter anderem auch „zwei alte auf Pergament geschriebene Bücher“ aufgezählt (zweifellos das Registrum und das Copialbuch von p. 1407). Aus einem (undatierten, aber in den September 1757 zu setzenden) Schreiben des Abtes von Formbach an den Verwalter in Gloggnitz (eingelegen im Copialbuch von 1407) ist zu ersehen, daß auch in Herzogenburg Archivalien erlagen, so wie noch nach 1790 umgekehrt einzelne, auf Herzogenburg bezügliche Herrschaftsbücher dorthin gesendet wurden (Vermerk im Kanzleiindex).

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