Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 4. Anton Largiadér (Zürich): Schweizerisches Archivwesen. Ein Überblick

Schweizerisches Archivwesen. 47 (Blenio, Riviera und Bellinzona) und teilweise von den XII Orten (Lugano, Locarno, Maggiatal und Mendrisio) als Landvogteien regiert worden waren. Die entscheidenden Beschlüsse für die Konstituierung eines Kantonsarchivs erfolgten erst 1874, während schon 1813 und 1819 die Privatpersonen aufgefordert worden waren, die in ihren Händen befindlichen öffentlichen Akten abzuliefern. Das Staatsarchiv enthält Dokumente vor 1798, sodann der beiden helvetischen Kantone Lugano und Bellinzona von 1798—1803 und die seither erwachsenen Archivalien1). Die Archive der im 19. Jahrhundert säkularisierten Klöster gingen auch ans Staatsarchiv über, ebenso die Registraturen der tessinischen Bezirksgerichte, darunter diejenigen von Lottigna- Blenio mit einer wichtigen Urkunde von 1182. Über die Dezentralisation ganz wichtiger Archivbestände im Kanton Tessin urteilte Karl Meyer im Jahre 1911, die Archive „sind un- gemein zahlreich, durchaus ungeordnet, privaten Charakters, entbehren ständiger Archivare und waren größtenteils bisher noch von keinem Forscher berührt worden“. Übersichten über den Inhalt der lokalen Archive geben Karl Meyer, Blenio und Leventina von Barbarossa bis Heinrich VII. (Luzern 1911), und Paul Schaefer, das Sottoceneri im Mittelalter (Affoltern a. A. 1931). Die mittelalterlichen Archive des Stadtstaates Como, der sich vielfach mit den später eidgenössisch gewordenen Territorien berührte, charakterisiert Claude Campiche, Die Communalverfassung von Como im 12. und 13. Jahrhundert (Zürich 1929). Das Staatsarchiv des Kantons Waadt in Lausanne ist erwachsen aus den Aktenübergaben an den 1798 geschaffenen Kanton Léman (später Kanton Waadt), der bisher Untertanengebiet von Bern gewesen war. Vereinzelte Ablieferungen aus Bern erfolgten noch bis 1866. Die wertvollen und umfangreichen mittelalterlichen Bestände stammen aus den Archiven des aufgehobenen Bistums und Domkapitels Lausanne und der im Waadtland gelegenen Klöster. Die Zeit der Helvetik ist vertreten durch das Archiv des Canton du Léman, und seit 1803 datiert das Archiv der heutigen Kantonsverwaltung 2). Gemeindearchive, Pfarrarchive und Stadtarchive. Die Schweiz ist das Land der entwickelten Gemeindeautonomie. Wohl besitzen die Kantonsregierungen ein Aufsichtsrecht über gewisse Zweige des Gemeindehaushaltes, aber in vielen Fragen der inneren Verwaltung sind die Gemeinden selbständig. Was nun die Gemeindearchive betrifft, so hat sich in den meisten Kantonen eine gewisse Staatsaufsicht ausgebildet, die in der Regel dem Staatsarchiv übertragen ist. Es gibt Fälle, wo sich die staatliche Aufsicht im Archivwesen auch gegenüber den Kirchgemeinden und ihren Archiven manifestiert 3). Am Beispiel des Kantons Zürich soll kurz dargelegt werden, wie sich im Laufe eines halben Jahrhunderts die Staatsaufsicht in sehr wirksamer Form entwickelt hat. Die Initiative zu dieser Aufsicht ergriff der Zürcher Staatsarchivar Prof. Dr. Paul Schweizer. In den Jahren 1887—1896 wurden die Archivverzeichnisse von etwa 800 Gemeinden aufgenommen. *) *) Luigi Chazai, II problema dell’Archivio Cantonale, Bellinzona 1931. 2) Alfred Millioud, Un ancien catalogue des archives épiscopales de Lausanne. In: Revue historique vaudoise, 8. Bd., Lausanne 1900, S. 11—16. (Es handelt sich um ein Inventar der von den Bischöfen von Lausanne nach der Okkupation ihres Territoriums durch die Berner geflüchteten Dokumente, welche im Schlosse Marclaz in Savoyen untergebracht wurden, Ende des 16. Jahrhunderts.) — Maxime Reymond, Archives. In: Dictionnaire historique, géographique et statistique du Canton de Vaud, 1. Bd., Lausanne 1914, S. 79—81. 3) Edwin Hauser, Aufsicht und Ordnung von Gemeinde-, Bezirks- und Notariatsarchiven. In: Schweiz. Zentralblatt für Staats- und Gemeindeverwaltung, 31. Jahrgang, Zürich 1930, S. 609—616. — Anton Largiadér, Unsere Gemeindearchive, mit besonderer Berücksichtigung des Kantons Zürich. In: Zeitschrift für schweizerische Geschichte, 15. Bd., Zürich 1935, S. 97—118. — Ulrich Lamport, Zur Pflege der Pfarrarchive in der Schweiz. In: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, 8. Bd., Stans 1914, S. 1—14. — Wilhelm Schnyder, Das Pfarrarchiv. Paul Diebolder, Die Pfarrchronik. Praktische Anleitungen, Luzern 1933 (Erweiterte Sonderausgabe aus der Schweizerischen Kirchen-Zeitung).

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