Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 4. Anton Largiadér (Zürich): Schweizerisches Archivwesen. Ein Überblick

30 Largiadér, der Versammlungen, den sogenannten „Abschied“, in so vielen Exemplaren herzustellen, als Bundesglieder an der Konferenz beteiligt gewesen waren J). Soviel steht fest, daß die wichtigsten Archivalien in den kantonalen Archiven zu suchen sind. In der Tat sehen wir, daß schon in älterer Zeit die nicht sehr zahlreichen eidgenössischen Dokumente einem einzelnen Kanton übergeben wurden. Dabei ließen sich die mitinteressierten Bundesglieder Abschriften ausstellen. Das bezieht sich vor allem auf den Schriftwechsel mit dem Ausland, bei welchem die Eidgenossenschaft nur ein Exemplar erhielt. Daß sich weder im Kanzlei- noch im Archiv wesen eine feste Tradition ausbilden konnte, hängt wohl auch mit dem Mangel einer Bundeshauptstadt der Eidgenossenschaft zusammen. Je nach der politischen Lage hatten Zürich, Schwyz, Bern oder Luzern ein gewisses Über­gewicht. Seit dem Schwabenkrieg trat Zürich stark hervor und es schien, daß es der Stadt Luzern den Rang ablaufen werde. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts bestand eine ausgesprochene Rivalität zwischen beiden Städten. Während der Mailänder Feldzüge zeigte sich eine offenbare Hegemonie Zürichs. Es konnte allerdings zwischenhinein Vorkommen, daß Luzern ermächtigt wurde, die an den Bund gelangende Korrespondenz zu eröffnen und Tagsatzungen auszu­schreiben. Aber auch Zürich machte von diesem Vorrecht häufigen Gebrauch. Wilhelm Oechsli hat auf Grund der Sammlung der eidgenössischen Abschiede diese Zusammenhänge von Vorort und Tagsatzung untersucht und für die Zeit nach der Glaubensspaltung folgendes festgestellt: Luzern war katholischer Vorort, Bern tatsächlich protestantischer Vorort, Zürich dagegen hatte die formale Vorortschaft des Bundes inne. Die diplomatische Korre­spondenz der fremden Mächte gelangte in der Regel nach Zürich und wanderte in das Archiv dieser Stadt. Die übrigen Kantone wurden vom Vorort durch Kopien auf dem laufenden gehalten. Auch bei Absendung eidgenössischer Schreiben verfuhr man in ähnlicher Form. So wurde Zürich 1658 ersucht, eine Abschrift des im Namen der XIII Orte an Kaiser Leopold I. bei dessen Thronbesteigung abzusendenden Glückwunschschreibens mitteilen zu lassen. Vom politischen Standpunkt aus gesehen, prägt sich in diesen Gewohnheiten die Tat­sache aus, daß die Außenpolitik Sache der einzelnen Kantone war und daß nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen dem Bund einheitliche Befugnisse zugestanden wurden. Der sich in der Schweizer Geschichte immer wieder zeigende Gegensatz zwischen Kantonal­gewalt und Bundesgewalt findet seine Entsprechung in der weitgehenden Dezentralisation des Archivwesens. Zürichs Archiv enthält seit dem 15. Jahrhundert die französischen Königsbriefe, bestehend aus Kreditiven, Rekreditiven, Anzeigen von Todesfällen und Thronbesteigungen der französischen Herrscher und als letztes Stück die von Ludwig XVI. am 20. September 1791 an die Eidgenossenschaft gerichtete Mitteilung über die Annahme der französischen National - Verfassung 2). Ähnlich wurde mit den internationalen Verträgen verfahren, bei denen nach vollzogener Ratifikation der Eidgenossenschaft ein Exemplar zukam. Je nach den politischen und geographischen Voraussetzungen übernahm eine der größeren Städte diese Dokumente zuhanden der Eidgenossenschaft. Die gleiche archivalische Maßnahme können wir bei Dokumenten der Innenpolitik beobachten, die eine ganze Gruppe von Orten interessierten, wo aber zuhanden dieser Gruppen nur ein Exemplar ausgestellt wurde. Man konnte sich also nicht entschließen, diese Dokumente in einer gemeineidgenössischen Ortschaft nieder­zulegen, obschon sich dazu das Landvogteiarchiv in Baden geeignet hätte. Es war wohl x) Zum Worte „Abschied“ oder „Abscheid“ vgl. Schweizerisches Idiotikon, 8. Bd. (1920), S. 199—202, speziell S. 202—203. Die Quellenbelege für den Abschnitt „Die Archive der alten Eidgenossenschaft“ können aus Gründen der Raumersparnis nicht alle einzeln aufgeführt werden und finden sich in der „Amtlichen Sammlung der älteren eidgenössischen Abschiede, herausgegeben auf Anordnung der Bundesbehörden“, 8 Bde., Luzern, Zürich usw. 1856—1886. Ich zitiere im folgenden „Abschiede“. 2) Die französischen Königsbriefe befinden sich im Staatsarchiv Zürich unter der Signatur C IV 9, Schachtel 4—13.

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