Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
II. Paläographie und Diplomatik - 15. Hans Pirchegger (Graz): Über steirische Diplome
Über steirische Diplome. 251 Merkwürdig ist, daß das Arnulfinum keinen Besitz im Ennstal verzeichnet, obwohl dieses an den fast geschlossenen erzstiftischen Besitz in Pongau angrenzt. In Hall bei Admont und in Rottenmann war Erzbischof Odalbert 927 und 931 begütert, warum ist das nicht auch im Arnulfinum erwähnt ? War es etwa ursprünglich Familienbesitz des Erzbischofs ? Zur selben Zeit erwarb er durch Tausch die große Herrschaft Haus im Ennstale. Auch sie ist im Diplome nicht genannt. War sie vielleicht um 976 noch nicht endgültig dem Erzstifte zugefallen ? x) Am 9. März 891 erhielt Salzburg wieder Güter von Arnulf geschenkt. Ein Diplom ist als Original, ein zweites, erweitertes, nur in einem Kopialbuch erhalten. Dies verleiht dem Erzstifte zwei Güter in Baiern und vier im Slawenlande; u. zw. in der Grafschaft Dudleipa im Orte „Ruginesuelt“, früher Besitz des Herzogs Chozil, und das Lehen Regingers am Gnas- bach in der gleichen Grafschaft, das Lehen Lorios am Lendvabache (östlich Radkersburg) und das Lehen Isaks, eines Dienstmannes des Erinbert, an der Pinka (östlich von Friedberg) * 2). Die Urkunde ist in den MG. als Fälschung hingestellt. Das wird zutreffen, aber wir fragen: „Wie konnte nur das Erzstift all das erfunden haben, wenn der Hersteller der Urkunde nicht eine Grundlage gehabt hätte ?“ Ruginesuelt ist übrigens auch im Pseudo-Arnulf von 890 und ein Besitz an der Pinka bereits 860 im Diplome König Ludwigs ausgewiesen. Ich möchte nicht zweifeln, daß Salzburg den genannten Besitz wirklich erhalten, aber nach den Ungarneinfällen verloren hat. Wie sollte auch Salzburg eine Grafschaft Dudleipa erfunden haben ? Der Name wird auf den Volksstamm der Duljeben bezogen und findet sich in der Conversio als Kirchenort Tudleipin Priwinas und erscheint als Salzburger Besitz 860 und 890. Ein Dulebskabach fließt östlich Friedau in die Drau 3). Im Jahre 1036 schenkte Kaiser Konrad dem Erzstifte den Lassinghof mit den Königshuben in der Nähe 4). In der Gemeinde Lassing liegt das die Straße beherrschende Schloß Strechau, das noch am Ausgange des 13. Jahrhunderts vom Erzstifte als Lehen ausgegeben wurde. Zu ihm gehörte der größte Teil der Gemeinden Lassing und Oppenberg. Es ist wohl kaum ein Zweifel, daß diese Herrschaft dem Lassinghof entsprach. Durch die Gemeinde zog der mittelalterliche Handelsweg, der bei der Röttelbrücke die Enns und dann den großen Sumpf überschritt und über Liezen den Pyhrnpaß erreichte. Bezeichnend ist nun, daß auch Liezen Salzburger Aktivlehen war — das gab Herzog Friedrich II. 1242 zu — und daß es später gleichfalls ein Teil der Herrschaft Strechau war, es vielleicht schon 1036 war 5). Wir verstehen die Bedeutung dieser Schenkung, w^enn wir uns die Politik des Kaisers in Tirol vor Augen halten: Er verlieh hier die Grafschaft im Inn- und Eisacktale dem Bistum Brixen, die Grafschaften Trient, Bozen und Vintschgau dem Bischof von Trient. Damit waren die wichtigen Straßen von Baiern nach Italien in der Hand der Bischöfe, die damals noch verläßliche Reichsbeamte waren, im Gegensatz zu den Grafen. Nun hatte Kaiser Konrad ein Jahr zuvor, 1035, den Herzog Adalbero von Kärnten, der zugleich die Kärntnermark an der mittleren Mur und das Ennstal leitete, wegen Hochverrates abgesetzt. Vielleicht hatte dieser den Lassinghof vorher besessen, sei es als Eigentum, sei es als Amtslehen. Es ist früher gesagt worden, Rottenmann habe dem Erzstifte gehört, das damit die Straße durchs Paltental und über den Hohentauern-Sattel beherrschte. Jetzt gebot das Erzstift hier in weit größerem Maße. Es konnte dem Stifte Admont die ganze Gemeinde Hohentauern schenken, ebenso den südwärts des Sattels liegenden Teil der Gemeinde St. Johann bis zur Eibenbrücke. Dadurch war das Kloster verpflichtet worden, die Straße zu erhalten. Südlich grenzte dann der Eigenbesitz des Erzstiftes wieder an. Fast das ganze *) SUB. 1, S. 68 f., Nr. 13, S. 80; Nr. 57, S. 118. 2) MG. Dipl. Karol. Ill, Nr. 185, S. 286 = SUB. 2, Nr. 35b, S. 65. 3) H. Pirchegger, Geschichte der Steiermark, 1. Bd., 2. Auflage, S. 91 A. 4) MG. Dipl. IV, Nr. 229 - StUB. 1, Nr. 49, S. 57. 5) StUB. 2, Nr. 402, S. 515 f. — H. Pirchegger, Aus Liezens Vergangenheit (Blätter für Heimatkunde, 22. Jg., 1948, S. 42 ff.).