Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 12. Josef Wodka (St. Pölten): Die St. Pöltner Bestände des ehemaligen Wiener Neustädter Bistumsarchivs

194 W odlca, im Dienste des Kaisers x) meist eine ausgedehnte Korrespondenz, ein Umstand, der die Grenz­linien zwischen Privatarchiv und Archiv des Bistums oft merklich verwischen ließ, wie uns das Beispiel Bischof Gruters zeigt, durch den sich selbst Konzepte und Akten der kaiserlichen Kanzlei in das Neustädter Bistumsarchiv verirrten * 2). Größere Ordnungsarbeiten im bischöflichen Archiv zu Neustadt müssen gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als Bischof Kiesi die Administration des Neustädter Bistums übernahm, durchgeführt worden sein. Damals wurde ein Inventar der Urkunden des Bistums, der in­korporierten Propstei St. Ulrich sowie des Klosters St. Peter in der Sperr angelegt, das zur Zeit der Aufhebung des Bistums noch vorhanden war 3). Damals müssen auch die Reste der Korrespondenzen der Bischöfe Napponäus, Gruter und Radwiger zu dem noch erhaltenen Briefkodex gebunden worden sein 4). Mit Kiesi, der im Neustädter Bistumsarchiv heute eigentlich nur mehr durch seinen Briefwechsel mit seinem Offizial und späteren Nachfolger Matthias Gaisler vertreten ist, hat anscheinend auch die fortlaufende Numerierung der Urkundenbestände der einzelnen Bischöfe begonnen, die das ganze 17. Jahrhundert zu beob­achten ist und später wieder verschwindet. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren die Archivbestände des kleinen Neustädter Bistums bereits in beträchtlicher Weise angewachsen und kein Geringerer als der in Archivfragen da­mals als Autorität geltende St. Pöltner Chorherr Raimund Duellius nahm 1733 unter dem Bischof Johann Moritz Gustav Graf Manderscheid-Blankenheim eine Neuordnung des Archivs vor5). Dadurch wurde der Boden geschaffen für eine wissenschaftlich einwandfreie Bearbeitung der Geschichte des Bistums. Sie ließ auch nicht lange auf sich warten. Denn einer Anregung Duellius’ folgend, scheint der verdienstvolle Jesuit Markus Hansiz im Rahmen seiner Germania Sacra auch an die Ausarbeitung der „Historia Episcopatus Neo-stadiensis‘l herangegangen zu sein, die uns freilich nur handschriftlich überliefert ist, aber eine beachtliche Leistung darstellt und in sachkundiger Weise die archivalischen Schätze des Bistums verwertet 6). Das Jahr 1741 bedeutet einen neuen und tiefgreifenden Einschnitt in die Geschichte des Archivs des Neustädter Bistums und zeigt die letzte Phase seiner Entwicklung. Mit dem Beginn der Regierung des Bischofs Ferdinand Maria Grafen von Hall weil (1741—1773) setzt die Reihe der Konsistorialprotokolle ein, die Aufschluß geben über jeden einzelnen einge­laufenen und behandelten Akt. Die bischöfliche Kanzlei in Neustadt beginnt in moderner x) Das Präsentationsrecht des Kaisers auf das Neustädter Bistum hatte zur Folge, daß meist Männer aus der kaiserlichen Umgebung und Kanzlei zu Bischöfen bestellt wurden. So war Peter Engelbrecht (1476—1491) Lehrer des späteren Kaisers Maximilian I., Gregor Angerer (1530—1548) Rat König Ferdi­nands I., Heinrich Muelich (1548—1550) imd Christoph von Wertwein (1550—1552) dessen Hofprediger, Kaspar von Logau (1559—1562) Erzieher im kaiserlichen Hause und Hofkaplan, Lambert Gruter (1573 bis 1582) Hofprediger Kaiser Maximilians II., Martin Radwiger (1587—1588) Hofprediger der Erzherzoge Ernst und Matthias und Melchior Kiesi (1588—1630) schon frühzeitig in kaiserlicher Gunst und später geradezu als „Vizekaiser“ der allmächtige Minister des Kaisers Matthias. 2) Siehe z. B. im Brief kódex des 16. Jahrhunderts zwei unausgefertigte Schreiben Ferdinands I. vom 15. Januar 1531 an den Erzbischof von Rhodano, Vikar des Kardinals Innocenzo Cibö als Erzbischofs von Genua, und an den Marchese von Saluzzo (pag. 251, 255), ebenso Denkschriften über polnische und belgische Angelegenheiten (pag. 941—1043), die sicher aus der kaiserlichen Kanzlei stammen oder für sie bestimmt waren. 3) Siehe Anhang S. 215. 4) Siehe unten S. 199 ff. 5) Kerschbaumer, a. a. O. I 671. Damals schickte auch der Propst von St. Florian einen seiner Chorherren zur archivistischen Ausbildung zu Duellius nach St. Pölten (1735). Vgl. Jahrb. für Landes­kunde 28, S. 201 Anm. 175. *) Das Originalmanuskript kam nach Aufhebung des Jesuitenordens an Abt Gerbert von St. Blasien imd von dort in das Benediktinerstift St. Paul in Kärnten. Vgl. G. Pfeilschifter, Die St. Blasianische Germania Sacra, Ein Beitrag zur Historiographie des 18. Jahrhunderts (Münchener Studien zur historischen Theologie), Kempten 1921, S. 23—33. Abschriften davon befinden sich in der Wiener Nationalbibliothek (Cod. 9309—9313) imd in der Bibliothek des St. Pöltner Priesterseminars (in zwei Bänden). Im folgenden ist stets nach dem St. Pöltner Exemplar zitiert.

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