Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 11. Hermann Wiessner (Klagenfurt): Das Graf Dietrichsteinsche Fideikommißarchiv

190 Wiessner, Briefe Prinz Eugens an den Grafen Castelbarco, einer in Abschrift, der andere im Original, die Garnison der Festung Mantua betreffend (1707). Von Karl Ludwig von Dietrichstein (1673—1732), dem Sohne Franz Adams Dietrichstein (1642—1702), hat sich die Korrespon­denz erhalten, finanzielle Akten und eine ausführliche Beschreibung des hinterlassenen Ver­mögens. Franz Karl Ludwig Dietrichstein (1715—1765) ist im Archiv mit ausgebreiteter Korrespondenz vertreten. Aus dem Verlassenschaftsinventar entnehmen wir, daß die Herr­schaft Hollenburg mit dem Klagenfurter Haus im Werte von 149.714 fl., die Herrschaften Landskron und Velden und dem Freihaus in Villach mit 109.993 fl. und die Herrschaft Finken­stein mit 70.249 fl. bewertet erscheinen. Die Aktiven betrugen: 329.957 fl. die Passiven 315.771 fl. Franz Ludwig Dietrichstein, der Sohn des Franz Karl Ludwig, lebte (1745—1796) als innerösterreichischer Regimentsrat in Graz, war dann Gubernialrat in Lemberg und starb 1796 in Wien. Er war mit der Gräfin Aloisia Khünburg vermählt. In seiner Korrespondenz finden sich mancherlei Hinweise über die Verhältnisse in Galizien und politische Randbe­merkungen. Der letzte männliche Sproß des Kärntner Zweiges war Johann Douglas von Diet­richstein, der 1861 starb. Soweit das Aktenmaterial, das sich auf die einzelnen Personen der Familie bezieht. Die übrigen Aktenbestände sind nach den einzelnen Herrschaften gruppiert. Sie setzen für Hollenburg mit 1514 ein und behandeln vorzüglich die wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Faszikel CCI bis CCCIV sind dem Bergbau und der Industrie gewidmet und vermitteln uns einen tiefen Einblick besonders in die Entstehung und die Blüte der Ferlacher Waffenindustrie, für die das Hollenburger Archiv als die Quelle bezeichnet werden muß. Eine Reihe weiterer Faszikel behandelt die Landwirtschaft, die Waldwirtschaft, Handel, Verkehr, besonders Mautangelegenheiten an der Hollenburger Brücke. Kulturgeschichtlich interessant sind die 14 Bündel Gerichtsakten mit zahlreichen Prozessen über Räubereien, Hexenprozesse u. dgl. Einen großen Raum nehmen auch die Militaria ein mit ihren Aufzeichnungen über Muste­rungen, Durchmärsche aus der Zeit des spanischen Erbfolgekrieges und aus der napoleo- nischen Zeit. Mit Verwaltungsangelegenheiten der Herrschaft Hollenburg befassen sich 50 Faszikel, gewähren also einen aufschlußreichen Einblick in die Verwaltung einer Groß­grundherrschaft in diesem Zeitraum vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Bei der Herrschaft Finkenstein setzt das Aktenmaterial mit dem Jahre 1605 ein und behandelt in 62 Aktenbündeln wirtschaftliche Angelegenheiten, Erträgnisse und Schätzungen der Herrschaft, die Meierschaft, Alpen und Dominikalgüter, Jagdsachen und Fischerei, Gerichtsakten, Militaria, Steuersachen, die sanitären Verhältnisse, Streitigkeiten der Unter­tanen und der Nachbarschaften, Korrespondenzen der Finkensteinschen Pfleger und kirch­liche Angelegenheiten. Die Herrschaften Landskron und Finkenstein umfassen die Faszikel CCCLVII bis CCCCXXI und beinhalten Beschreibungen der beiden Herrschaften und deren Erträgnisse, das Schloß Landskron, Landgerichtssachen, Militaria, Steuerangelegenheiten, Untertanen­beschwerden und Streitigkeiten, Korrespondenzen der Pfleger und kirchliche Angelegenheiten. Ein Nachtrag — die Faszikel CCCCXXI bis CCCCXCV umfassend — bringt Ergänzungen zu den vorgenannten Herrschaftsarchiven, insbesondere Nachrichten über fremde Familien und Herrschaften, Korrespondenzen der Grafen mit bekannten Kärntner Familien, Gelehrten und Künstlern. Dieser Teil ist bis heute nahezu gänzlich unausgewertet. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß wir es bei dem Dietrichsteinschen Fideikommiß- archiv mit einem in jeder Hinsicht, sowohl politisch wie wirtschaftlich und kulturell äußerst bemerkenswerten Archivkörper zu tun haben, der es verdient, interessierten Kreisen näher bekanntgemacht zu werden und dessen Auswertung erst in den Anfängen begriffen ist.

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