Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 9. Eduard Straßmayr (Linz): Das Schloßarchiv Weinberg (Oberösterreich)

148 Straßmayr, angesammelt. Sie gewinnen für das 17. und 18. Jahrhundert besonderen Wert, denn die Aktenbestände der oberösterreichischen Landeshauptmannschaft aus jener Zeit sind bis auf spärliche Reste verlorengegangen. Aus dem Weinberger Archiv erschließt sich uns nicht bloß die weitverzweigte Wirk­samkeit uralter Adelsfamilien, sondern es verbreitet auch helles Licht über die Organisation eines großen Herrschaftsbereiches. In seltener Vollständigkeit ist hier ein Kanzleiarchiv auf uns gekommen, in welchem alle Zweige der Rechts- und Verwaltungspflege, das gesamte Wirtschaftswesen, Kirchen- und Schulverhältnisse im Rahmen einer Grundobrigkeit ihren schriftlichen Niederschlag gefunden haben. Das Archiv umfaßt insgesamt 1182 Urkunden, 889 Handschriften, 1493 Schuberbände Akten, 158 Schuberbände Gesetze und Patente, eine Kalendersammlung (97 Stück), 18 Siegel- typare und 24 Mappen Pläne und Grundrisse. Es zerfällt in zwei Abteilungen: 1. Weinberger Archivalien, welche im Jahre 1920 als Gegenleistung für die Ordnung des Familienarchivs ins Eigentum des Landesarchivs übergingen. 2. Archiv der Herrschaft Weinberg, welches im Jahre 1946 dem Landesarchiv zur Ord­nung und Aufbewahrung übergeben wurde. Für die Benützung stehen fünf umfangreiche und übersichtliche Archivverzeichnisse zur Verfügung. Dem Einfluß des Humanismus auf die Hebung des geistigen Lebens in Adelskreisen ver­danken wir die Pflege für die Erhaltung der Schriftdenkmale und besonders der Brief­sammlungen, welcher Angehörige der Geschlechter Hoheneck, Geymann, Clam, Khevenhüller und Kuefstein ihre Sorgfalt zu wandten l). Ein Mitglied des letzteren Hauses, Hans Ludwig von Kuefstein, hat die Korrespondenzen, die er in bewegter Zeit als Landeshauptmann (1630—1656) führte, gesammelt und sie in zahlreichen Bänden als beredte Zeugen seiner schwierigen Dienstesobliegenheiten — er hatte die Befriedung des Landes nach den Bauern­unruhen und die Gegenreformation durchzuführen — und seines rastlosen Schaffens der Nachwelt hinterlassen. Leider reichen sie nur von 1630 bis 1642. Mit dem reichen Gütererbe des letzten Kuefsteiners Maximilian Lobgott, der ein Schwager des Landeshauptmannes Christoph Wilhelm von Thürheim war und 1749 starb 2), kamen sie nach Weinberg und wurden in die Schloßbibliothek eingereiht. In dem um die Mitte des 18. Jahrhunderts angelegten „catalogus librorum“ 3) findet sich in der Manu­skriptenabteilung die Eintragung, daß von den bisNummer 36 fortlaufend signierten „Missifs“ an den Landeshauptmann Kuefstein nur mehr 27 Bände vorhanden waren und schon damals neun Bände fehlten 4). Der im Bücherkatalog angegebene Bestand findet sich heute noch vor und nimmt unter den Briefsammlungen des 17. Jahrhunderts einen hervorragenden Platz ein. Die von Hans Ludwig von Kuefstein 1627—1629 an die Ottomanische Pforte geführte Gesandtschaft, welche in der Geschichtsliteratur schon mehrmals behandelt wurde 5), ist in tagebuchartigen Aufzeichnungen und einem Bericht an den Kaiser von Kuefsteins Hand ausführlich geschildert worden 6). In den vielen Originalschreiben bedeutender Persönlich­keiten und Heerführer sowie in Berichten und „Zeitungen“ einflußreicher Adeliger spiegeln sich die politischen und Kriegsereignisse der Jahre 1630—1642 wider. Von besonderem Inter­esse sind die Korrespondenzen des Franz Christoph Khevenhüller über die Bauernrebellion *) *) Zibermayr, a. a. O. S. 101 ff. 2) Grüli G., Archivverzeichnis der Herrschaft Weinberg, 2. Teil, S. 12. 3) Landesarchiv Linz, Weinberger Archivalien, Akten Bd. 60, Nr. 6. 4) Brief- und Aktensammlungen des Kuefsteiners verwahren auch das Schlüsselberger Archiv (Landesarchiv Linz) und das Österreichische Staatsarchiv, Wien. Zibermayr, S. 104. 5) Kuefstein K., Studien zur Familiengeschichte, Bd. 3 (Wien-Leipzig 1915), S. 259. 8) Sturmberger H., Die Haft des Prinzen Ruprecht von der Pfalz im Schlosse zu Linz. Eine Episode aus dem Dreißigjährigen Krieg, Oberösterreichische Heimatblätter, Jahrgang 2 (1948), S. 112 ff.

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