Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 9. Eduard Straßmayr (Linz): Das Schloßarchiv Weinberg (Oberösterreich)
144 Straßmayr, folgenden Jahres beschäftigt war. In den zwei schon vorhin kurz beschriebenen Räumen des Schlosses richtete er mit gewohnter Sorgfalt das Thürheimische Familienarchiv ein, das mit den alten Archivkästen und Aufschriften bis zur Gegenwart fast unversehrt erhalten war und ein lehrreiches Beispiel dafür bot, wie im 18. Jahrhundert ein Schloßarchiv eingerichtet war. In den zur Aufnahme der Schriften ausersehenen Räumen waren, entsprechend der Größe des Archivs, 17 Holzkästen (Cistae) aufgestellt worden, die mit den Buchstaben A—R in alphabetischer Reihenfolge bezeichnet waren. Jeder Kasten war wieder in mehrere rotweiß gestrichene Laden eingeteilt, und diese trugen die fortlaufende Zahl von 1 angefangen und überdies eine Aufschrift, welche den Inhalt sofort erkennen ließ. Um nur ein Beispiel herauszugreifen, umfaßte Cista E die Ständesachen, Landtage, Rekruten, Steuern in 24 Laden und in Lade 9 befand sich das Aktenmaterial „Praecedenz-Stritt zwischen löblichen Praelaten, dann Herren- und Ritterstand“ 1601—1688. Die zur Aufbewahrung in den einzelnen Laden bestimmten Archivalien (Urkunden, Akten und Handschriften) wurden zunächst nach den Jahren geordnet. Dann faltete man jedes Stück (durchwegs Kanzleiformat) zweimal zusammen und versah es mit einem Papierumschlag, auf welchem ein kurzes Regest oder wenigstens ein Schlagwort mit der Jahreszahl und wieder die Kasten- und Ladenbezeichnung sowie die innerhalb der Lade fortlaufende Zahl angebracht wurde. Die mit Spagat zusammengebundenen kleinen Päckchen wurden in zeitlicher Reihenfolge in den Laden hinterlegt. Diese genaue Signierung kostete zwar eine mühevolle Arbeit, zeitigte aber den Vorteil, daß die für den Amtsgebrauch ausgehobenen Akten, sobald sie nicht mehr benötigt wurden, wieder ordnungsgemäß an ihrem bestimmten Platz eingereiht werden konnten. In dieses Ordnungssystem mußte sich auch eine noch wenig geschulte Kraft bald hineinfinden und die Gefahr, das Archiv könnte in Unordnung gebracht werden, war bei einiger Achtsamkeit nicht schwer zu vermeiden. Nach der Aufteilung des Schriftenmaterials auf die Kästen und Laden wurden drei ausführliche Repertorien angefertigt, die in ihrer praktischen Anlage und guten Übersicht eine rasche Auffindung der gewünschten Akten ermöglichten. Sie zeichnen sich wie alle anderen Archivinventare Trauners durch eine sorgfältige, leicht leserliche Schrift aus. Fast ein Jahr, vom 14. Mai 1777 bis 30. April 1778, war Trauner in Weinberg tätig. Diese Zeit nützte er fleißig aus, um in die Aktenmassen Ordnung zu bringen. Aber nicht genug damit. Da der mit gründlichen Fachkenntnissen ausgestattete Archivar den Inhalt des Archivs gut kannte, war er auch befähigt, für den Gebrauch des Schloßherrn und für Kanzleizwecke kleinere praktische Behelfe herzustellen. Nach durchgeführter Inventarisierung des Schloßarchivs schrieb er in Tabellenform eine Genealogie des gräflich Thür- heim’schen Geschlechtes, von dem angeblichen Stammvater Aribo 883 angefangen bis zum Jahre 1774 *). Besonderen Wert gewinnt diese Arbeit vom 15. Jahrhundert herauf, da der Verfasser als Belege für die in den Stammbäumen angeführten Daten die Signaturen der betreffenden Archivstücke beifügt und dadurch eine rasche Nachsuchung und Überprüfung ermöglicht. Den Schluß bildet ein alphabetisches Register über die Eltern, Söhne und Töchter sämtlicher Thürheimer. Sein Werk ist auch eine Zusammenstellung der Besitzer, Pfarrherren und Pfleger der Herrschaft Weinberg sowie ein Verzeichnis der von 1566 bis 1772 erschienenen kaiserlichen und landeshauptmannschaftlichen Patente. Daß Trauner das Vertrauen, welches ihm Graf Thürheim schenkte, vollauf rechtfertigte, beweist das am 29. April 1778 ausgestellte Zeugnis 2). Der Landeshauptmann hebt darin die Geschicklichkeit, den Fleiß und die Verschwiegenheit dieses Mannes rühmend hervor und wünscht, für dessen weitere Beschäftigung behilflich sein zu können. Aber nicht bloß mit ehrenden Worten, sondern auch mit klingender Münze hat er die treuen Dienste des Archivars reichlich belohnt. Außer dem mit 267 Gulden berechneten Kostgeld und einem x) Manuskript 37 fol. im Schloßarchiv Weinberg, Akten Bd. 1285. 2) Landesarchiv Linz, Stiftsarchiv Gleink, Bd. 3, Nr. 2.