Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 8. Jakob Seidl (Wien): Das Österreichische Staatsarchiv, dessen Abteilungen und führende Beamten in den letzten fünfzig Jahren. I. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv
132 Seidl, schaftlichen Kreisen ganz Europas des größten Ansehens und Einflusses erfreute. Hiefür zeugt außer seiner Promotion zum Ehrendoktor der Staatswissenschaften an der Universität Berlin auch seine Berufung in zehn österreichische und ausländische — darunter zahlreiche nichtdeutsche — gelehrte Gesellschaften, in denen allen er wegen seiner Organisationsgabe führend tätig war, welche Tätigkeit 1933 durch seine Wahl zum Präsidenten der Kommission für diplomatische Geschichte auf dem internationalen Historikerkongreß zu Warschau gekrönt wurde. Die hiebei in seine Person gesetzten Erwartungen erfüllte er dadurch, daß er unter Mitwirkung der Archivare aller europäischen Länder die Ausgabe des „Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder vom Westphälischen Frieden bis 1930“ in so meisterhafterWeise in die Wege leitete, daß der erste, bis 1715 reichende Band, der von seinem getreuen Mitarbeiter Lothar Groß redigiert wurde, bereits 1936 erscheinen konnte und der zweite bis 1815 reichende Band dieses Werkes bei dem 1944 erfolgten Tod L. Groß’ fast druckfertig vorlag. Zu der ihm vom internationalen Historikerkomitee anvertrauten Ausgabe einer internationalen Bibliographie der Farbbücher ist Bittner wegen des zweiten Weltkrieges nicht mehr gekommen. Wie bei allen Direktoren des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, deren ich bisher gedachte, kann ich auch bei Bittner davon absehen, seine wissenschaftlichen Arbeiten anzuführen. Zwei Großtaten dieses Mannes aber, unter dem diese Anstalt sich des bisher größten internationalen Ansehens erfreute, glaube ich doch anführen zu müssen. Wie Heinrich Srbik die an mittelalterlichen Quellen im Institut für österreichische Geschichtsforschung erlernte kritische Behandlung der Geschichtsquellen für die Geschichtsschreibung der Neuzeit verwendete, hat Ludwig Bittner die Methode der Urkundenlehre des Mittelalters auf die neuere Zeit angewendet und so das grundlegende Werk „Die Lehre von den völkerrechtlichen Vertragsurkunden“ geschaffen. Im Kampf, den er zusammen mit Oswald Redlich nach 1918 um die Erhaltung der österreichischen Archive führte, hat Bittner den Grundsatz des archivalischen Provenienz - prinzips, das bisher nur in der Theorie bestand und lediglich bei Neuordnung von Archiven angewendet wurde, in die Praxis umgesetzt und mit so beweiskräftigen Argumenten belegt, daß die Verhandlungsgegner, die, dies muß unbedingt anerkannt werden, sich wissenschaftlichen Gründen nie verschlossen haben, sie nicht entkräften konnten 1). Und als im zweiten Weltkrieg für die Wiener Archive die, allerdings nur vorübergehende Möglichkeit gegeben war, alle nach 1918 von den österreichischen Nachfolgestaaten den Wiener Archiven entnommenen Bestände und auch Bestände anderer Archive nach Wien zu bringen, war es wieder L. Bittner, der sich streng an das Provenienzprinzip gehalten hat und nur jene Bestände in Anspruch nahm, die provenienzmäßig nach Wien gehörten 2). Wie keiner seiner Vorgänger hat Bittner es verstanden, die Arbeitskraft seiner Beamten zur Gemeinschaftsarbeit zu verwenden und sie zu selbständigen Arbeiten anzuregen. Hier sollen nur folgende Gemeinschaftsarbeiten angeführt werden: außer dem Generalkatalog, der über seine Anregung und unter seiner Mitarbeit geschaffen wurde, das in den Jahren 1936 bis 1940 in fünf Bänden erschienene „Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs“, ein Standardwerk der archivalischen Fachliteratur, und das große Quellenwerk „Österreich-Ungarns Außenpolitik 1908—1914, Diplomatische Aktenstücke des österr. ung. Ministeriums des Äußern (ausgewählt von L. Bittner, A. F. Pribram, H. Srbik und H. Uebersberger, bearbeitet von L. Bittner und H. Uebersberger)“, neun Bände, 1930; daß die *) *) Zu vergleichen L. Bittner: „Die zwischenstaatlichen Verhandlungen über das Schicksal der österreichischen Archive nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns“ im Archiv für Politik und Geschichte, III. Bd., S. 58 ff., und die anerkennenden Worte, die E. Casanova in seiner „Archivistica“, S. 394, diesem Kampf gewidmet hat. 2) Nur einem Staate gegenüber ist er, von Gründen der historischen Forschung wohl zu sehr getrieben, hievon abgegangen, aber auch hier hatte er — dies läßt sich aktenmäßig nachweisen — die Absicht, die gegen das Provenienzprinzip nach Wien gebrachten Bestände wieder zurückzugeben.