Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

118 Pillick, der Arbeiten in Fremdsprachen wußte er Mitarbeiter wie Herbert zu gewinnen. Kaunitz hat psychologisch richtig erfaßt, daß der gelehrte Rechtshistoriker nicht verstanden wird, wenn es sich um die Beeinflußung der öffentlichen Meinung im Volke handle. Man darf daher auch bei seinen Anregungen und Aufträgen zur Förderung der Geschichtsforschung im Staats­interesse zwei Zielrichtungen unterscheiden: die für Politiker und Staatsmänner, die sozusagen fachmännischen, und die für das Volk bestimmten, die popularisierenden. Für letztere genügte schon ein mittelmäßiger Schriftsteller, wie z. B. Hess, weil das Volk seine Sprache besser verstand. Wenn die Mittel nicht reichten, so wußte Kaunitz seine diplomatischen Fähigkeiten spielen zu lassen. Die geplante Gewinnung Langius und Schlözers und die diplomatisch meisterhafte Krafts sind Beispiele hiefür. Die Förderung zum Ruhme und zur Verherrlichung des Hauses Österreich hat Kaunitz mit geradezu souveräner Beherrschung auszuüben verstanden. Es ist kein Zufall, daß er Männer wie Schrötter, der auch hier an erster Stelle zu nennen ist, Schmidt, Rauch, Roschmann, Kollar, Benczúr und viele andere tatkräftigst förderte und anzuregen wußte. Dabei sieht er auch über Weltanschauungen hinweg und darin bestand für ihn wohl die Toleranz, daß er Wenk, Müller, Will, Cramer und viele andere unterstützte. Der dynastischen Geschichtsschreibung verstand er, angeregt durch die Kaiserin, die eine besonders pietätvolle Verehrung für ihren Vater auszeichnete, mit wahrhaft großzügiger Förderung entgegenzukommen. Zurlauben, Schirach und König sind dafür Beispiele. Der Kirche gegenüber kann er nicht als Gegner angesehen werden, schon darum nicht, weil er der Kaiserin gefällig sein wollte. Mag er auch als Wegbereiter der Auflösung des Jesuitenordens gelten, so war er völlig anders dessen Mitgliedern gegenüber eingestellt, wenn er deren sachliche Leistung schätzte. Pray und Rieberer mögen dafür zeugen. Kaunitz, der ein Freund der Genauigkeit, ein förmlicher Pedant war, hat sein hauptsächliches Augenmerk auf die Quellen der Geschichtsschreibung, deren Verwendung und Bedeutung1) gelegt. Der Fall Senckenberg, der allerdings teilweise in die politische Sphäre hinüberspielte, ist daraus nur zu verständlich. Der Lüge war er abhold und vermied sie, wo er konnte. Er war ein universeller Mäzen von wahrhaft fürstlichem Ausmaß und ist dies auch über seine politischen Bindungen hinaus geblieben. Selbst Friedrich II. von Preußen gegenüber wahrte er Form und Würde in den von ihm befohlenen Ausarbeitungen. Die so oft aufgeworfene Frage, ob Kaunitz die Publikation quellenmäßig gearbeiteter Werke zur österreichischen Geschichte gefördert und begünstigt hätte 2), konnte freilich in dieser referierenden Darstellung nicht erschöpfend behandelt werden. Doch ist bei der Betrachtung der Archivverhältnisse und Historik im Zeitalter der Aufklärung die überragende Persön­lichkeit des Fürsten Kaunitz in Österreich einfach nicht wegzudenken. Sein Einfluß ver­stärkte das Fundament des österreichischen Staatsbewußtseins und baute dieses weiter aus, sodaß es in der Geschichtsschreibung eine führende Stellung errang. q Vgl. G. Winter, Fürst Kaunitz über die Bedeutung von Staatsarchiven (in den „Beiträgen zur Neueren Geschichte Österreichs“, Wien 1906, S. 131—136), Vgl. auch Bittner, 1. c., I. Bd. S. 67* f. 2) A. Novotny, Staatskanzler Kaunitz als geistige Persönlichkeit, S. 215.

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