Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

116 Pillich, preußischen Hauptmanns Johann Wilhelm von Archenholtz x), des Geschichtsschreibers des Königs von Preußen, vom 23. März 1790 2) aus Berlin. Archenholtz verleiht darin in bewegten Worten dem Wunsche Ausdruck, daß sich der Fürst beim Kaiser für die Abstellung des unbefugten und unbezahlten Nachdruckes von Werken ausländischer Schriftsteller verwenden möge. Kaunitz erwidert darauf am 2. April 17903): „Sie leisten mir Gerechtigkeit, wenn Sie glauben, daß Männer, die mit Unterscheidung sich den Wissenschaften widmen, mich immer bereit finden, Ihnen nützlich zu sein“, und verspricht, den wirksamsten Schutz für die Wissenschaften durch Kaiser Leopold II. erreichen zu wollen. Es dürfe jedoch seiner eigenen Ansicht nicht entgehen, daß seine Bitte jetzt, „wo der König die Regierung einer großen Monarchie antritt“, nicht der erste Gegenstand der Aufmerksamkeit sein könne. Sigismund Anton Graf von Hohenwarth S. J. 4), der spätere Fürsterzbischof von Wien, seit Jahren mit der Sammlung von Materialien und Urkunden zur Geschichte des Hauses Lothringen beschäftigt, bittet am 30. November 1790 5), die vom Hausarchiv ausgewählten Archivalien nach Hause mitnehmen zu dürfen, um sie einer rascheren Durchsicht, Exzerpierung oder Kopierung zuführen zu können — ein für heutige Verhältnisse in Archiven wohl als grober Verstoß anmutendes Ansuchen, das aber noch im 19. Jahrhundert vereinzelt erfüllt wurde 6). Etwas kühne Zukunftspläne entwickelte der Oberstwachtmeister Graf Foucault, der sich gleichfalls mit der Geschichte des Hauses Lothringen beschäftigte. Er hatte dem Kaiser 1791 7) das Manuskript der Geschichte des Herzogs Leopold von Lothringen überreicht und dafür 300 Dukaten erhalten. Dadurch ermutigt, stellte er 1793 8) den Antrag und das Ersuchen um die Erlaubnis, das Lothringische Hausarchiv in Ordnung zu bringen, um dann daraus noch die Biographie eines großen Fürsten dieses Hauses zu schreiben. Er bat außerdem, als Direktor des Lothringischen Hausarchivs mit dem Titel eines „k. k. Historio­graphen“ angestellt zu werden. Die Staatskanzlei hatte in ihrem Vortrag vom 23. Mai 1793, ohne die „Gründlichkeit“ seiner bisherigen Arbeiten zu untersuchen, da „von jeher nur Geschichtsschreiber von ersten Rang“ am Hofe tätig waren, eine ablehnende Stellung ein­genommen. Er wurde mit der Begründung vertröstet, daß eine unnötige Vermehrung des Archivpersonals verhindert werden solle, womit auch der Kaiser einverstanden war. Der preußische Interpret der türkischen und orientalischen Sprache beim Departement der auswärtigen Angelegenheiten und Professor der Philosophie in Halle, Samuel Friedrich Günther Wahl9), wandte sich am 9. Februar 179210) brieflich an Kaunitz mit der Bitte, „in dem tiefen Vertrauen, welchem die Schriftsteller Deutschlands in Höchstderoselben erhabener Person ihren großen Mäcenas zu verehren berechtigt sind“,sich für die Dedizierung seiner „Geschichte des persischen Reiches“ an den Kaiser zu verwenden. Der Staatskanzler antwortete Wahl am 23. Februar 1792, daß er zwar „in der gelehrten Welt schon durch mehrere litterarische Versuche so rühmlich bekannt“ sei, der Kaiser aber die Zueignung nicht annehme, jedoch die Aufmerksamkeit des Petenten anerkenne. Im übrigen sei es ihm leid, das bei dieser Gelegenheit ihm von Wahl erwiesene Vertrauen nicht erwidern zu können 11). *) ADB., 1. Bd., S. 511. 2) St. K. W., Fasz. 2. s) St. K. W., Fasz. 2. 4) Wurzbach, 1. c., 9. Bd., S. 208. 5) K. A. 1789/8. ®) Bittner, 1. c., I. Bd., S. 190 *. 7) K. A. 1792/10. 8) K. A. 1793/6. ») ADB., 40. Bd., S. 593. 10) St. K. W., Fasz. 2. u) Wahl wiederholte sein Ansuchen am 5. März 1792, St. K. W., Fasz. 2.

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