Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 6. Walter Pillich (Wien): Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung (1762-1794) ....

Staatskanzler Kaunitz und die Archivforschung 1762—1792. 105 der Ankündigung seines Werkes über eine Geschichte von Halicz im 11. bis 13. Jahrhundert im Vorwort seiner 1773 erschienenen kleinen Schrift „Oskold und Dir“. Darin werden die Bemühungen des Gelehrten zur Erhellung der älteren polnischen und russischen Geschichte rühmend hervorgehoben und er wird aufgefordert, einen Auszug aus seinen Forschungen zur „mehreren Entkräftigung der polnischen Schein Gründe“ mitzuteilen; hiefür wird ihm auch über Bevollmächtigung des Fürsten Kaunitz eine kaiserliche Belohnung in Aussicht gestellt. Zur Beleuchtung der vielseitigen Förderung der Wissenschaften durch Staatskanzler Kaunitz sei auch dessen geradezu moderne Auffassung erwähnt, Schriftgut im Leihverkehr der Wissenschaft anderer Länder zugänglich machen zu wollen 1). Der Prior des Benediktinerstiftes Reichenau in Schwaben, P. Meinhard Mauchelbeck, befaßte sich in seiner Arbeit mit dem Österreichischen Schutz- und Schirmrecht seines Klosters, die der Staatskanzlei am 2. April 1776 über die Böhmisch-Österreichische Hof­kanzlei zugeht. Kaunitz reicht die Ausarbeitung mit dem Bemerken an Rosenthal weiter, „damit verschiedene in derselben Note bemerkte Data und Urkunden“ im Hausarchiv „nachgesucht und berichtigt werden möchten“. Dazu weiß Rosenthal nach einigen Wochen nebst ergänzenden Mitteilungen sechs Urkundenabschriften des Archivs zur Ergänzung zu übermitteln 2). Auch der Geschichtsforscher Rudolf Graf Coronini-Cronberg 3) war 1776 mit einer Ausarbeitung über „Die Revindikation der ehemaligen aquilejischen Ländereien in Friaul und Istrien“ betraut 4). Wie sehr die dynastische Geschichtsschreibung zur Zeit der Aufklärung noch im Vordergründe stand und welcher hohen Gunst sich ihre Vertreter erfreuten, zeigt das „Pragmatische Leben Kaiser Karls VI.“ des Professors für Geschichte und Politik an der Universität zu Helmstädt Gottlob Benedikt Schirach 5). Zur Beleuchtung der staatlichen Zensur und als Zeichen des Vertrauens, das der Staatskanzler dem Hausarchive und im besonderen Rosenthal entgegenbrachte, sei hier auch das Gutachten über die Staatsgefährlichkeit der Predigt des als freisinnigen Josephiners bekannten Franziskanerpaters Dionys Kaltner 6) erwähnt, die dieser am 19. Jänner 1777 zu Wien in der Schutzengelkirche auf der Wieden gehalten hatte und die zu Graz in Druck *) *) Der englische Theologe Dr. Benjamin Kennicot, Mitglied des Exeter College, der seit Jahren alle Manuskripte der Bibel in den europäischen Bibliotheken für eine Übersetzung aufsuchte, trat auch mit der Bitte an die Wiener Hofbibliothek heran, daß er deren hebräische Bibelmanuskripte auf einige Zeit nach England bekäme. Kaunitz, gestützt auf die Meinung des Bibliothekskustos Kollar, der vom Vorhaben Kennicots wußte und davon wußte, daß sich auch die Höfe von Rußland, Frankreich, Spanien, Schweden und Dänemark zu ebensolchem Dienste bereit erklärt hatten, schlug der Kaiserin eine Entlehnung von sechs bis acht Monaten vor und schloß seinem Vortrag gleich den Entwurf eines diesbezüglichen Billetts an den Obersthofmeister bei. Die Kaiserin lehnte jedoch, ähnlich ihrer Weisung von 1754 für Archive (vgl. S. 95), mit der Begründung ab: „aus der Bibliothek wird niehmals solches Stück hinausgegeben“. Sie verweist auf deren Benützung durch einen Mittelsmann und die Erlaubnis zur Kopierung, wobei sie für deren Beglaubigung den Obersthofmeister, jemanden von der Staatskanzlei, Kustos Kollar und den hiesigen englischen Gesandten vorschlägt (Vortrag vom 29. April 1775, St. K. V., Fasz. 177). 2) K. A. 1776/22. 3) Wurzbach, 1. c., 3. Bd., S. 11. *) K. A. 1776/12. 5) Schirach sandte am 8. Februar 1776 (St. K. W., Fasz. 2) sein Werk an Kaunitz, um es der Kaiserin „zu Füßen zu legen“. Zugleich eröffnete er in seiner Bittschrift dem Staatskanzler „einen geheimen Wunsch“ mit der Frage, ob der Biograph des Kaisers das Adelsdiplom wert sei, um dessen Verleihung er ihn bat. Diesem Wunsche, das erbländisch-österreichische Adelsdiplom zu erhalten, ohne durch Ausgaben beschwert zu werden, entsprach die Kaiserin bereits am 17. Mai desselben Jahres (Konzept des Adelsdiploms im Allgemeinen Verwaltungsarchiv, Abteilung Adelsarchiv) „auf eigener allerhöchster Bewegnuß“, da Schirach nebst seinen bisher veröffentlichten wissenschaftlichen Werken „das Leben Unseres in Gott ruhenden Herrn Vaters ... beschrieben“ und „Uns dieses Werk zugeeignet hat“. ®) Wurzbach, 1. c„ 10. Bd., S. 413.

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