Oskar Regele: Ergänzungsband 1. Der österreichische Hofkriegsrat 1556-1848 (1949)
III. Der Einfluß des Hofkriegsrates auf die militärische Führung. - b) Beispiele aus der Kriegsgeschichte - 6. Die Franzosenkriege 1792—1815
64 des Erzherzogs spielte dessen Generalstabschef Wimpffen eine hervorstechendere Rolle. Der Kaiser hatte neben dem Donau-Kriegsschanplatz auch den italienischen (Erzherzog Johann) zu berücksichtigen und mußte auch trachten, den Palatin Erzherzog Josef — der dem Generalissimus nicht unterstand und der nach der ungarischen Verfassung zum Kommando der Insurrektion nach dem König allein berechtigt war J) — mit seinen Verbänden der großen Kriegführung nutzbar zu machen. Waren es auch die eigenen Brüder, so drang der Kaiser mit seinen Befehlen nicht immer so leicht durch und es war besonders der Erzherzog Johann, der zum Gehorsam gegenüber dem Generalissimus angehalten werden mußte. Wie segensreich sich damals ein einheitlicher absoluter Oberbefehl hätte auswirken können, wird jedem klar, der bestrebt ist, in die schwierigen verfassungsrechtlichen Seiten der Kriegführung einzudringen. Erzherzog Karl fügte bei Aspern dem bisher unüberwindlich gehaltenen Kaiser Napoleon die erste schwerwiegende Niederlage zu und wenn er diese Niederlage nicht zu einer vernichtenden machen konnte, lag die Ursache darin, daß die österreichische Armee zur Verfolgung über die hochwasserführende Donau in die Lobau keine Pontons zur Verfügung hatte. Ein solcher Fall war in der österreichischen Armee bezeichnenderweise kein Ausnahms- fall. 1704 mußte Prinz Eugen die kostbaren Kupferpontons verkaufen, um seine Truppen vor einer Hungersnot zu bewahren und 1705 scheiterte dann der ganze Feldzug bei Cassano am Mangel des Pioniergerätes * 2). Ähnlich erging es 1799 dem Erzherzog Karl bei Dettingen. Hätte nicht der Herzog Franz IV. von Modena Biragos Brückenversuche später finanziert, wäre das österreichische Brückenwesen verkümmert und hätten die Fürsten von Liechtenstein nicht bedeutende Privatmittel der Kavallerie zugewendet, wäre diese nicht so hervorragend gewesen 3). Die am Beginne des Krieges von 1809 entstandenen Schwierigkeiten hatten ihre Wurzel darin, daß dem Nachrichtendienst die bescheidensten Mittel versagt geblieben waren. Und so könnte man diese Beispiele fortsetzen über die mangelhafte Infanteriebewaffnung von 1866 bis zu den bedenklichen Rüstungsmängeln von 1914: fast immer war der Armee das Minimum an Rüstung verweigert gewesen. Zurückkehrend zu 1809 wäre noch zu sagen, daß bei Wagram den österreichischen Waffen der Sieg versagt blieb, mögen sie auch dem viel stärkeren Feinde mehr Gefangene, Geschütze und Fahnen abgenommen haben, als sie selbst einbüßten. Der Feldzug-war als Ganzes mißlungen, Österreich konnte sich nur deshalb noch behaupten, weil es beim Waffenstillstand über eine achtunggebietende Armee verfügte, die aus dem Felde zu schlagen dem Korsen trotz des Sieges bei Wagram nicht gelungen war. Diese Armee war aber das ausschließliche Werk des Erzherzogs Karl als Kriegsminister und Hofkriegsratspräsident, diese Armee konnte einen Teilfeldzug verlieren, aber Österreichs Zerschlagung verhindern und so wurde es möglich, über 1809 hinaus den Gesamtkrieg gegen Frankreich 1815 doch noch erfolgreich zu beenden. Die rege militärische Tätigkeit der österreichischen Außenminister seit Maria Theresia bleibt eine beachtenswerte Erscheinung im Gebiete der österreichischen Kriegführung. Kaunitz, Thugut, Stadion und Metternich wahrten sich durchwegs ein weitgehendes militärisches Mitspruchsrecht. Darunter ist zu verstehen, daß sie über die der Gesamtpolitik gezogenen Grenzen rein militärische Fragen entschieden oder zumindest weitgehend beeinflußten. Näher darauf einzugehen, ist hier nicht möglich, festgehalten werden muß aber diese Tatsache, wenn man die ganze Apparatur österreichischer Kriegführung untersucht. Über die letzten Jahre der Franzosenkriege ist insofern nichts mehr zu sagen, da Schwarzenberg 1813 vom Hofkriegsrat fast frei und 1814—1815 selbst Hofkriegsratspräsident war. Die Heerführung des Fürsten Schwarzenberg ist aus dem GVunde bewundernswert, als es diesem General und Staatsmann gelang, die vier Verbündeten bei Leipzig *) Wertheimer. „Geschichte Österreichs und Ungarns. . S. 343. 2) Brinner. „Geschichte des k. k. Pionier-Regimentes“, I„ S. 109. 3) „Sechzig Jahre Wehrmacht 1848—1908“, S. 2. 64