Az Eszterházy Károly Tanárképző Főiskola Tudományos Közleményei. 1990. Germanistiche Studien (Acta Academiae Paedagogicae Agriensis : Nova series ; Tom. 20)

Imre Kelemen, Berührungspunkte zwischen Moral und Politik bei Machiavelli

68 politischen und gesellschaftlichen Faktoren richtig abgewogen, ferner die realen Möglichkeiten einbezogen werden. Italien konnte um die Wende des 15./16. Jahrhunderts unter mehreren Möglichkeiten wählen. Die eine Möglichkeit war das Verharren in der Zerrissenheit. Als Folge wäre die Unterwerfung unter die um seine Gebiete kämpfenden Herrscher unvermeidlich gewesen. Diese Möglichkeit entsprach dem traditionellen christlichen Verständnis: man hatte sich ihr als einer Art Gottesstrafe zu unterwerfen. Die andere Alternative bestand in der Vereinigung des Landes. Diese Vereinigung bedeutete einerseits die Bewahrung der Selbständigkeit auf einer nationalen Grundlage, andererseits bedeutete sie, dass der christlichen Tradition entgegengetreten wurde. Schliesslich bedeutete sie den Aufbau eines neuen Staatswesens, dessen Ziel nicht in der Verteidigung des an der Erbsünde leidenden Menschen, sondern in der Ausnützung der Möglichkeiten des aktiv handelnden Menschen bestand. Die traditionellen Kategorien füllten sich also mit einem neuen Inhalt. Das Ziel des neuen Staates war es ebenfalls, die Bürger zu verteidigen, jetzt aber schon unter Berücksichtigung der nationalen Interessen. Ziel der geistigen Macht war auch eine Form der Glückseligkeit, aber nicht die einer jenseitigen Glückseligkeit, sondern einer irdischen, die jeweils individuell zu erreichen war. Es ist ziemlich schwer, die Mittel der Verwirklichung zu wählen, aber noch schwerer ist es, die Wirksamkeit dieser Mittel vorauszusagen. Machiavelli gibt diese Mittel zur konkreten Verwirklichung aber nicht an. Es ist aber klar für ihn, dass die Geschichte die im Prozess der Verwirklichung begangenen Sünden nicht bestätigt. Wo ist dann also das Mass, das zeigt, wie weit man gehen kann? Dieses Mass ist die Geschichte selbst. Die Geschichte kann aber die Sünde nicht rechtfertigen, nicht einmal, wenn die Tat in bestimmten Fällen eine Sünde erfordert. Die Sünde kann eine notwendige Tat sein, aber keinesfalls eine ethische. Moralisch kann sie gar nicht beurteilt werden, denn die Moral ist eng mit der Tradition verbunden. Die Auswahl der Mittel muss eine solche Wertpräferenz enthalten, dass deren Umsetzung mit der geringsten Wertzerstörung zum Ziele führen kann. Diese Art von Rationalität, die dem Zufall, dem Glück nichts überlässt. war bis zur Epoche Machiavellis praktisch unbekannt. Die "Virtu" steht sowohl mit der Rationalität, als auch mit der richtigen Anwendung der durch die Epoche erforderten Mittel in Verbindung. Der Mensch, der das durchzuführen in der Lage ist, kann nur jener ideale Mensch sein. Es handelt sich also nicht um den Erwerb der Macht als Selbstzweck, sondern um die Erfüllung eines geschichtlichen Auftrags.

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