Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapest während der ersten zwei Jahrzehnte des Systems der lokalen Räte (1950-1970)

kehrsmittel, die auf jeden Fall einer Erneuerung bedurften, in den Randbezirken auf den Stand der Stadtbezirke zu bringen. Nicht nur der Verkehr innerhalb der Randgebiete, auch die Verbindungen zum Stadtzentrum mußten geschaffen werden. Da die Industrie immer mehr Arbeitskräfte benötigte, ergab sich zwangsläufig die Notwendigkeit einer besseren Versorgung der Bevölkerung in den Randgebieten, ihre reibungslose Beförderung, die Er­weiterung ihrer Fachkenntnisse und die Befriedigung ihrer kulturellen Ansprüche. Anfang der fünfziger Jahre wurde der größte Teil der Investmittel auf Kosten des Wohnungsbaus und des Ausbaus der Infrastruktur für die industrielle Entwicklung verwendet. Die Probleme waren besonders schwerwiegend, da Wohnungen und die kommunalen Einrichtungen nur zum kleineren Teil in bereits kanalisierten, dem Stromnetz und dem Stadtverkehr ange­schlossenen Gebieten errichtet wurden, denn das Ziel war ja gerade die Schaffung neuer Wohngebiete. Aus diesen Gründen waren Kanalisation, Versorgung mit elektrischem Strom und Verkehrsentwicklung sehr viel kostspieliger. Die Dienstleistungen, die steigenden kul­turellen und sanitären Ansprüche — Merkmale der Urbanisierung — konnten nur mangel­haft befriedigt werden. In der ungarischen Hauptstadt kam es gleichsam zu einer neuen „Landnahme“. Infolge­dessen wurden am alten Stadtrand u. a. die Wohnsiedlungen im X., XI. und XIV. Bezirk sowie die Wohnsiedlungen im XIII., XV. und XXII. Bezirk, die Ambulanzen im XI., XIII., XIV., XV. und XXII. Bezirk gebaut und im Jahre 1949 die mehr als 3000 Studenten um­fassende Universität für Volkswirtschaft „Karl Marx“ im ehemaligen Zollhaus gegründet. An den ersten Fünfjahrplan erinnern die nach Attila József, dem großen Dichter des un­garischen Proletariats, benannte Wohnsiedlung und ihr Kulturhaus sowie das Volksstadion mit 90 000 Plätzen, auch heute noch ein imposanter Bau, der bei seiner Einweihung 1952 das Symbol des beginnenden Massensports in Ungarn darstellte. Die Umgestaltung Groß-Budapests in eine moderne sozialistische Großstadt wurde zur moralischen Aufgabe der Ungarischen Volksrepublik. Das konterrevolutionäre Horthy- Regime hatte im Laufe von 25 Jahren alles unternommen, um den Stadtkern von den Ar­beiterbezirken zu isolieren. Auf dieser Grundlage basierten seine Investitionspläne, die Stadtordnung, das Gesundheitswesen und die Kulturpolitik. Die Volksdemokratie wollte mit allen Mitteln eine effektive Einheit herstellen. Die sozialistische Regierung mußte einen wirtschaftlichen und sozialen Rückstand von vielen Jahrzehnten aufholen. Die Schaffung der sozialistischen Eigentumsverhältnisse und die Planwirtschaft bedeuteten die Erschließung neuer Kraftquellen. Die Begeisterung der Werktätigen, die an die Macht gekommen waren und am öffentlichen Leben teilnahmen, erwies sich als wirksame Triebkraft. Der Wunsch, die Kriegszerstörungen schnell zu beseitigen, war gleichfalls ein Ansporn. Heute sind die Errungenschaften des ersten Fünfjahrplans bereits genau ermeßbar: Die Industrie des Landes stieg um 210 Prozent, in der industriellen Struktur hatte die Schwer­industrie — vor allem Bergbau und Metallurgie — das Primat. Die Bevölkerung von Buda­pest wuchs bis 1959 um 60,4 Prozent, die Zahl der Arbeiter um 80 Prozent. Neue Schichten, vor allem Frauen und Werktätige, die vom Dorf in die Stadt kamen, wurden in den Arbeits­prozeß eingegliedert. Zwangsläufig ergab sich daraus die Notwendigkeit der Massenschulung der Jugendlichen, die Einführung einer kostenlosen staatlichen Ausbildung von Fachar­beitern, die Veranstaltung von Abendkursen, angefangen von der Grundschule bis zur Universität. Budapest bewies wiederum seinen Rang als Hauptstadt des Landes. Es war nicht nur Propagandazentrum der marxistischen Weltanschauung, Wirkungsbereich und 73

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