Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

Budapest zwischen den beiden Weltkriegen (1919-1945)

Waffen- und Maschinenfabrik, Tungsram usw.). Bei der Organisation des Streiks der Bauarbeiter im Jahre 1935 spielte der Kommunist László Rajk eine entscheidende Rolle. Die effektive Organisationsbasis der Kommunisten war zwischen den beiden Weltkriegen in erster Linie Budapest. In gespannten Situationen brachten die selbstbewußten Massen ihre Meinung immer wieder zum Ausdruck. So standen sie zum Beispiel 1941 auf der Budapester Internationalen Messe trotz verschärfter Polizeikontrolle zu Tausenden vor dem Pavillon der Sowjetunion und warteten auf Einlaß. Das konterrevolutionäre Regime konnte auch in der Stadtverwaltung die Opposition nicht ganz mundtot machen. Als 1920 die Neuwahl der Mitglieder der Generalversammlung stattfand, gelang es nicht, die Wiederwahl der liberalen Stadtväter zu verhindern. Die Nationale Bürgerlich-Demokratische Partei unter dem Vorsitz von Vilmos Vázsonyi wurde damals die stärkste Oppositionspartei in Budapest. Einige Jahre später erstarkte das Lager der freisinnigen bürgerlichen Opposition durch die Liberale Partei, an deren Spitze Károly Rassay stand, und die Kossuth-Partei, deren Vorsitzende (Rusztem Vámbéry, Vince Nagy und Rezső' Rupert) das Programm der Oktoberrevolution 1918 bewahrten. Nach 1925 festigte sich die Opposition in der Stadtverwaltung, da auch die sozialdemo­kratische Partei ihre Vertreter in die Generalversammlung entsandte. Unter den legalen politischen Parteien Ungarns war einzig und allein die sozialdemokratische Partei eine organisierte Partei mit Massenbasis. Die politische Tätigkeit ihrer Mitgliedschaft bestand nicht aus der Teilnahme am Klubleben und an Parteiessen. Die sozialdemokratische Partei konnte zum ersten Mal in der ungarischen Geschichte bereits 1922 Vertreter in die Nationalversammlung entsenden. Infolge der reaktionären Regierungspolitik gelangten ihre Vertreter aber erst 1925 in die führende Körperschaft der Hauptstadt. Károly Peyer bestimmte die Politik der sozialdemokratischen Partei. Er erkannte nach dem Abkommen mit dem Ministerpräsidenten István Bethlen das konter­revolutionäre Regime als Realität an und betrachtete in der Parteilinie die Anwendung aller radikalen Methoden als falsch. Trotzdem griffen die sozialdemokratischen und die liberalen Stadtväter die rechtsgesinnte Stadtleitung und das Regierungssystem gemeinsam an. In wirtschaftlicher Hinsicht richteten sich ihre Forderungen in erster Linie auf die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhält­nisse, die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen, die Inangriffnahme öffentlicher Arbeiten und die Aufhebung oder Senkung der Steuerlasten (Verbraucher- und Umsatzsteuern), die vor allem die Arbeiter und Kleinverdiener schwer drückten, sowie auf die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse. In politischer Hinsicht forderten sie die Einführung des all­gemeinen geheimen Wahlrechts und die Garantie der Bürgerrechte (Koalitions- und Ver­sammlungsrecht, Rede- und Pressefreiheit). Sie verlangten die Wiedereinführung der Selbst­verwaltungsrechte und deren freie Ausübung und die Beendigung der staatlichen Inter­vention. In den zwischen den beiden Weltkriegen in Budapest viermal abgehaltenen Gemeinde­wahlen (1920, 1925, 1930 und 1935) bildeten das sozialdemokratische und liberal-bürger­liche Lager nicht nur den stärksten Block der Opposition, sondern sie verfügten nach 1925 auch über mehr Mandate als die die Regierung unterstützende Partei der Christlich- Nationalen. Obwohl die legale Linke in der Stadtverwaltung eine bedeutende Kraft darstellte, konnte 58

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