Ságvári Ágnes (szerk.): Budapest. Die Geschichte einer Hauptstadt (Budapest, 1974)

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Die Vorlage demütigt nicht einmal die jüdische Bevölkerung so sehr, wie sie die Söhne der christlichen Mittelklasse beleidigt, wenn sie von ihnen annimmt, daß sie — unter Mißachtung des heiligen Grundprinzips der Rechtsgleichheit der Staatsbürger — die Sicherung ihrer Existenz durch Entrechtung, beschämende Bevormundung und Gewaltan­wendung erwarten. Man mutet ihnen ferner die moralische Verirrung zu, daß sie um den Preis der religiösen Mißachtung eines Teiles ihrer Mitbürger und die vollständige Beraubung seiner Bürgerrechte sich selbst zur Geltung bringen wollen. Diese Vorlage trifft auch bei der jüdischen Bevölkerung in erster Linie die Armen, die­jenigen, die vor allem der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert sind, und unter ihnen vor allem die Jugend, die sie geschlossen straft, da sie während des Krieges keinen Militär­dienst leisten konnte. Wir halten es mit unserem Gewissen unvereinbar, daß die weltlichen Behörden nach den Taufdaten Unterschiede machen, wo doch die Kirche allen, die den christlichen Glauben annehmen wollen, ohne Differenzierung und ohne Vorbehalt, im Zeichen der Gleichheit vor Gott und der christlichen Bruderliebe das Christentum zuerkennt. Uns veranlassen unser christlicher Glaube, unsere patriotische Überzeugung, unsere Treue zum europäischen Ansehen unseres Landes und seiner nationalen Unabhängigkeit, dem Prinzip der Rechtsgleichheit der Staatsbürger nie abtrünnig zu werden, das die größten Geister Ungarns in den bewegtesten Perioden unserer Geschichte errungen haben. Ungarn muß in der heutigen krisenbelasteten historischen Epoche alle seine Kräfte sam­meln. Die Herren der besetzten Gebiete versuchen mit statistischen Kunststücken dem ungarischen Volk die Ungarn jüdischen Glaubens zu entreißen, die, abgesehen von gering­fügigen Ausnahmen, als Minderheit unbeirrbar an der ungarischen Schicksalsgemeinschaft festhalten. Dürfen wir, sei es auch nur ungewollt, diesem Beispiel folgen und 400 000 Bürger aus der ungarischen Nation ausstoßen? Sollten wir vergessen haben, daß diese Mitbürger nach den unwiderlegbaren Beweisen der Kulturgeschichte nicht nur Teilhaber, sondern auch Stützen und Erbauer der unga­rischen Kultur waren? Sollten wir leugnen, daß diese Schicksalsgemeinschaft im Freiheits­kampf 1848 und im ersten Weltkrieg durch ihr Blut besiegelt wurde? Wir erklären, daß diese unsere Mitbürger Ungarn sind, und ihr Ungarntum kann um so weniger zur Diskussion stehen, da heute beunruhigende Neigungen entstehen, die als vollständig magyarisiert ange­sehenen und zu den führenden Schichten emporgestiegenen Staatsbürger von Ungarn ab­stoßen. Wir protestieren deshalb mit der ganzen Kraft unseres Gewissens und hoffen, daß unser Wort nicht ohne Widerhall bleibt in dem Land, das seinen Ruhm der Glaubens- und Ge­dankenfreiheit, dem heldenhaften Kampf für die vollständige Erringung der Menschen­rechte zu verdanken hat. Diesem inneren Gebot gehorchend, wenden wir uns an die Mitglieder der beiden Kammern der ungarischen Gesetzgebung, an die christlichen Kirchen, an die Berufs- und Wirtschaftskammern, an die Gewerkschaften und sonstigen Interessen­vertretungen, an die politischen, sozialen und kulturellen Vereine, an die besonnenen Pa­trioten im ganzen Lande mit der Bitte: mögen sie ihr Selbstgefühl, ihren Mut, ihre Selbst­losigkeit beweisen und gemeinsam gegen die uns alle demütigende Gesetzesvorlage auf­­treten. Jeder Zeitgenosse möge sich überlegen, welche Verantwortung auf ihm lastet, wenn trotz 123

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