Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
András Sipos: Bürgermeister István Barczy und die sozialen Bauprojekte in Budapest am Anfang des 20. Jahrhunderts
204 Blumenwettbewerb, der auch seine Ergebnisse erreichte: die Bewohner der Siedlungen schmücken ihre Vorhöfe mit Blumen und kleinen Vorgärten”, das können wir in dem Bericht von Ödön Wildner lesen. Der Monotonie der ebenerdigen Pavillons versuchte man mit vielfältigen Fassadenlösungen, Dekorationen und bescheidener, aber ästhetischer Gestaltung entgegen zu wirken. Ein wichtiges Element des Volksaufklärungskonzepts von Bárczy war, dass man den Armen und sogar den Obdachlosen eine ästhetisch gestaltete Umgebung verschaffen sollte, sodass in den für sie gebauten Anlagen künstlerischen Aspekten entsprechender Raum gegeben werden musste. Ein herausragendes Beispiel dafür ist das Volkshotel in der Arenastraße, das mit Wandgemälden von Mariska Undi ausgestattet wurde. Mit 396 Schlafkammem und 42 Zimmern bot es eine billige und betont gesittete Unterkunft sowie eine Essmöglichkeit in seinem Restaurant für Männer an, die sonst auf Bettgeherei angewiesen gewesen wären. In seiner Eröffnungsrede war Bárczy gezwungen, auf die Kritiken, die „die Luxusausführung” betrafen, hinzuweisen: „... Die Beachtung des ästhetischen Aspekts, die Gemälde und andere Einrichtungsgegenstände von künstlerischem Niveau dienten nicht für die Pracht, sondern dafür, die Herberge warm und gemütlich zu machen, denn so entsprach sie ihrer Funktion besser und konnte für die ärmsten Leute eher ein richtiges Heim werden, als mit einer kalten, kasemenmäßigen Einrichtung.” Die soziale Fürsorge, die Förderung der Kunst und die Ausbreitung der Kultur standen nach der Auffassung der Stadtführung in engem Zusammenhang. Dieser Zusammenhang wurde von der Künstlerkolonie symbolisiert, die in direkter Nachbarschaft der Kleinwohnungssiedlung der Szäzadosstraße und des Miethausblockes des Hungáriarings errichtet wurde und aus pavillonähnlichen Atelierwohnungen bestand. Bei der Entstehung all dieser und noch zahlreicher anderer Werke spielte die Persönlichkeit von István Bárczy eine entscheidende Rolle. Er war zugleich hochkarätiger Berufsbeamter, Verwaltungschef, Politiker und eine Künstlerseele; eine inspirierende Persönlichkeit, die mit den Vertretern der verschiedenen Richtungen, die mit einander kaum kommunizierten, effektiv Zusammenarbeiten konnte. All diese Fähigkeiten waren nötig, um die in den Gegebenheiten steckenden Möglichkeiten zu erkennen und zu nützen, und um so im Budapest der Jahrhundertwende für einige Jahre ein „Laboratorium” zu erschaffen, das in sozialer und kultureller Hinsicht in ganz Europa herausragend war.