Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
Zsuzsa Frisnyák: Die Telegrafie
187 Adresse „Kristóf Nagy” und der Wohnung des Apothekers im oberen Stockwerk) Telegrafenleitungen gelegt. All dies spiegelt das individuelle Interesse an technischen Neuerungen und den Wunsch des Besitzers nach Vereinfachung des Geschäftsganges wider - obwohl es fraglich ist, ob seine Hoffnungen diesbezüglich in Erfüllung gegangen sind. Die Nachrichten aus aller Welt werden gleichfalls mit Depeschen geliefert. Die Nachricht wird zu einer Ware. Die Neugier auf aktuellste Ereignisse ist außerordentlich hoch. Nach einer Kritik aus dem Jahre 1859, die über das National theater geschrieben wurde, würde im Kreise des Publikums nichts - nicht mal ein Löwenkampf - solchen Erfolg haben, als wenn in den Pausen der Vorstellungen die neuesten Telegrammnachrichten verlesen würden, denn der Lauf der Welt übt eine enorme Anziehung auf die Gemüter aus.1 Der Autor erwähnt es nicht, es ist aber dennoch offensichtlich: Die Entwicklungen des Krieges in Italien und dessen wahrscheinliche innenpolitische Auswirkungen beschäftigten die Menschen. Gleicherweise wurden auch die Depeschen, die über den österreichisch-preußischen Krieg berichteten, fieberhaft erwartet. Nachdem der Staat 1874 genehmigt hatte, dass die Telegrafenamtsleitungen von Privatpersonen, Industrie- und Betriebsunternehmen mit dem staatlichen Netz verbunden wurden, nützten sechs hauptstädtische Mühlen, eine Bank und einige Verkehrsuntemehmen (z. B. Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft, Österreichische Staatsbahngesellschaft) die Gelegenheit und ließen die Drahtverbindung ausbauen. All diese Unternehmen werden wir auch unter den ersten Fernsprechteilnehmern finden - es sind die sich dynamisch entwickelnden Kapitaluntemehmen, die die Idee „Time is money” mit Hilfe des Telegrafs in den Alltag übertragen. Die Nachrichten der Telegramme beeinflussen auch die Börsen. Der berühmte Schriftsteller Kálmán Mikszáth beschreibt das Ankommen der Nachricht über den Tod des russischen Zaren: „... auf Einmahl kommt die Depesche und in einem Augenblick gab es keinen Börsianer dort, sie rannten überstürzt wer hier- wer da lang, um aus dem großen Ereignis zu profitieren bei denen, die von der Sache noch nichts wissen.”1 2 Da die Staatsdepeschen nach den Regeln der Verwaltung in den öffentlichen Ämtern, in den Ministerien in die Akten eingelegt wurden, handeln die meisten erhaltenen Depeschen von der Tätigkeit des Staatsapparates. Die Depeschen betreffen die Entwicklung außerordentlicher Flutsituationen, Ereignisse, die rasche Reaktionen erfordern. Eine rege Depeschenverbindung bestand zwischen den Regierungsorganen von Wien und Budapest, zwischen den leitenden Politikern der Monarchie. Sogar die Tagesordnung der Ministerpräsidenten wurde von Depeschen beeinflusst. 1875 zum Beispiel, lässt Ministerpräsident István Bittó eine Depesche für das Galadiner zu Ehren von Mór Jókai erstellen. 1 Kakas Márton a színházban [Márton Kakas im Theater] CII. Levél, Sonntagszeitung, 8. Mai 1859. 2 Kálmán Mikszáth, Levél a fővárosból [Brief aus der Hauptstadt], Szegedi Napló 1881.