Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)
Eva Offenthaler: Gasgebrauch und Gasversorgung in Wien
176 wiederum Auer von Welsbach, der 1898 eine Glühbirne mit Metalldrähten anfertigte, die dem Auer-Licht ebenbürtig war. Die letzte reguläre öffentliche Gaslaterne erlosch am 27. November 1962 in Hietzing. Hatte die Nutzung von Gas als Energiequelle ihren Anfang in der Beleuchtung von Straßen und öffentlichen Gebäuden, so gewann im Lauf der Zeit die private Gasnutzung für Beleuchtung und technisch-gewerbliche Zwecke immer mehr an Bedeutung. In den 1870er Jahren betrug das Verhältnis von öffentlichem zu privatem Konsum schon 1:6. In den 1880er Jahren gab es, Kleingewerbe- und Handeltreibende mit eingerechnet, rund 30.000 private Gasabnehmer aus allen Bereichen der Wirtschaft und des Hausbesitzes. Zur Wärmequelle entwickelte sich Gas ab 1900. Am Beginn stand das Kochen, und um 1909 kamen die ersten Gasherde auf den Markt. In den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende verwendete man reines Kohlengas, das im Gaswerk Simmering erzeugt wurde, dann wurde eine Mischung aus Kohlen-, Generator- und Wassergas entwickelt - bekannt als „Stadtgas“. Bis 1899 blieb die Gasversorgung der Stadt ausschließlich in privater Hand, was zunehmend für Probleme sorgte. Zwischen dem Magistrat und der I.C.G.A. kam es im Zuge der Eingemeindung von Vorstädten zu Streitigkeiten. Überdies nutzte die englische Gasfirma ihre Monopolstellung, indem sie minderwertiges Gas zu überhöhten Preisen lieferte, und es kam häufig zu Gebrechen und starken Druckschwankungen, sodass eine Lösung der Gasfrage immer dringlicher wurde. Wiederholt war die Vertragskündigung und der Bau eines eigenen Gaswerkes erwogen worden, doch erst am 27. Oktober 1896 beschloss der Wiener Gemeinderat unter Bürgermeister Karl Lueger endgültig, den Vertrag mit der I.C.G.A. nicht mehr zu erneuern. Gasproduktion und - Versorgung sollten kommunalisiert werden, womit die Errichtung eines städtischen Gaswerks samt eigenem Rohrnetz verbunden war. Projektpläne dafür gab es bereits. Im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs 1892 hatte der Berliner Ingenieur Schimming den ersten Preis erhalten, zur Erarbeitung des Detailprojekts war 1893 der technische Konsulent in Gasangelegenheiten, Theodor Herrmann, bestellt worden, doch auch sein Entwurf wurde noch in wesentlichen Teilen umgearbeitet. 1896 begann man mit dem Bau des städtischen Gaswerks Simmering - es sollte zum größten Gaswerks Europas werden und bezüglich seiner Ausmaße und Technologie Maßstäbe setzen. Die technische Leitung lag beim Stadtbauamt Wien unter Franz Kapaun (1851- 1929). Der Bau erfolgte unter Beteiligung zahlreicher in- und ausländischer Firmen und unter Einsatz von mehr als 1.000 Arbeitern täglich. Enorm war der technische Aufwand - so mussten etwa die 143 Tonnen schweren Kuppeln der Gasbehälter kontinuierlich mit hochgemauert werden, da es nicht möglich war, sie in ihre endgültige Höhe zu hieven. Bei diesen vier Gasbehältern, von der Bevölkerung bald „Gasometer“ genannt, handelte es sich um die auffälligsten Teile der Anlage. Sie dienten dazu, das Gas sicher zwischen zu lagern und bei Bedarf ins Netz einzuspeisen. Ihr Fassungsvermögen betrug je 90.000 m3. Die