Budapest und Wien. Technischer Fortschritt und urbaner Aufschwung im 19. Jahrhundert - Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs 9. - Beiträge zur Stadtgeschichte 7. (Budapest - Wien, 2003)

Ferenc Vadas: Gaswerke und elektrische Anlagen in Budapest

167 Als Ergebnis des - von der Hauptstadt 1892 gehaltenen - Wettbewerbs wurden Verträge mit zwei Firmen auf 45 Jahre (sie beinhalteten aber die Möglichkeit von Ablösezahlungen) für die Stromversorgung Budapests abgeschlossen. Beide Firmen waren Tochterfirmen: die Ungarische Elektrizitäts- Aktiengesellschaft gehörte der Ganz-Fabrik und die Budapester Allgemeine Elektrizitäts-Aktiengesellschaft typischer Weise der Allgemeinen Österreichischen Gasbeleuchtungs-Gesellschaft. Durch 20 Jahre stellten diese Firmen für die Stadt Strom her: die erste Gleichstrom, die andere Zwei- und Dreiphasenstrom, der - gemäß den Vorschriften - in den fünf Unter­­werken/Hilfswerken, die gleichzeitig mit dem Hauptwerk gebaut wurden, zu Gleichstrom umgewandelt wurde. Die Werke beider Firmen wurden nah bei einander im Randgebiet der Leopoldstadt (damals V., heute XIII. Bezirk) errichtet. Die Ungarische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft erwarb ein Grundstück an der Väci-Straße, das sie in F-Form verbaute: die Direktion blickte auf die Hauptstraße und das Maschinenhaus (mit dem das Kesselhaus verbunden wurde) auf die Seitenstraße. Diesen Komplex gibt es - nach vielfachen Erweiterungen und Umbauten - auch heute noch als Sitz der Budapester Elektrizitätswerke. Die Budapester Allgemeine Elektrizitäts-Aktiengesellschaft verbaute mit ihrem Fabriksgebäude (das origineller als jenes ihres Konkurrenten war) Schritt für Schritt einen ganzen Hausblock. Ihre östliche Fassade ist mit gotisierender Ziegelarchitektur dekoriert und mit sich verjüngenden Türmen ausgestattet, zwischen den modemen Flügeln der Westseite wurde 1913 ein riesiger antikisierender Portikus hochgezogen. Von dem Komplex ist heute nur noch dieser dorische Portikus erhalten geblieben, die anderen Teile wurden 1992 abgerissen. Die Kommunalisierung der Versorgungsbetriebe Der Anfang des 20. Jahrhunderts brachte eine Zäsur in der Budapester Stadtpolitik. Die klassisch liberale, überwachende Rolle wurde durch eine aktive kommunale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ersetzt. Als Teil davon kam es zur Ablöse der privaten Versorgungsbetriebe, zur Ausarbeitung einer kommunalen Energiepolitik, zu - mit Anleihen finanzierten - bedeutenden Investitionen für die Modernisierung der (damals noch) Profit abwerfenden öffentlichen Einrichtungen und für die Befriedigung der wachsenden Bedürfnisse zum Bau von modernen Werken, die mehr produzierten als die vorhandenen, und zu deren rentablem Betrieb durch die Ausnutzung der Monopolstellung. Nach einem Jahrzehnt der Vorbereitungen und langem Hin und Her, kam es 1910, beim Ablauf des gültigen Vertrags, zur Ablösung der Gaswerke. Die älteren waren bis dahin veraltet, deshalb wurde die Produktion nach dem Fertigwerden der Fabrik von Óbuda, 1913/14 eingestellt. Die Fabrik in der Franzstadt, die jünger war als die vorher erwähnten, war noch ein Jahrzehnt lang im Betrieb.

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