Ausstellungskatalog „Revolution 1848”

Róbert Hermann: Die Revolution zweier Hauptstädte - Wien und Pest

.óv«!*0!* Ausstellung 3. März -31. August 199S L- * ---------------------------------------------------------------------------------------------------------­Die Revolution zweier Hauptstädte - Wien und Pest von Róbert Hermann “Über Europa flutet eine Verschwörung der Umsturz­partei gegen das Rechtlichbestehende, als dessen wahrer Vertreter man die österreichische Macht erkennt, weshalb sie zur Zielscheibe ihrer Angrif­fe erkoren ist" - schrieb Clemens Wenzel Lothar Metternich, der allmächtige Kanzler des österrei­chischen Reiches, Ende Januar 1848 an König Fer­dinand V, gleichzeitig Kaiser Ferdinand I. Metternichs Bedenken war damit erklärt, daß im sizi- lianischen Palermo zwei Wochen zuvor eme Re­volution gegen die Praxis des absolutistischen Herr­schers ausgebrochen war, was signalisierte, daß Europa vor einer weiteren Welle von Revolutionen stand. Den Durchbruch bedeutete jedoch erst die am 24. Februar m Paris ausgebrochene Revoluti­on. Das Panser Volk vertrieb den Bürgerkönig Louis Philippe und nef die Republik aus. Der Re­volution der Franzosen folgten innerhalb von Wo­chen auch Bewegungen in den übrigen europäi­schen Hauptstädten und Zentren. Die Bürger der Städte München, Wien, Pest-Buda, Berlin, Mai­land, Poznan und Prag gaben den damaligen Machtbesitzem gleicherweise zu verstehen, daß sie deren Regierungssystem satt hatten. Kossuth und Batthyány, die Oppositionsführer des ungarischen Landtages in Preßburg, waren der Mei­nung, daß die erschütterte außenpolitische Lage des Reiches für die Realisierung des Programms der Reformopposition genutzt werden mußte. Sie wuß­ten, daß Ungarns Freiheit nur dann auf sicherer Basis beruhte, wenn auch in den Kronländem ein konstitutionelles Regieren verlief, denn die vonein­ander abweichenden Interessen der beiden Reichs­hälften waren lediglich bei gleichem politischem System zu vereinbaren. Lajos Batthyány forderte als erster am letzten Sitzungstag des Landtags 1844: Die Führung des Reiches sollte beim Regie­ren die ungarische Verfassungsmäßigkeit als Maß­stab ihrer Politik nehmen und nicht versuchen, auch in Ungam die gegen die KronJänder verfolgte ab­solutistische Methode durchzusetzen. Die Richtig­keit ihrer Annahme wurde dadurch bestätigt, daß die Nachricht der Revolution in Paris innerhalb einiger Tage auch Preßburg erreichte. Am 3. März trat Kossuth mit einem Vorschlag historischer Be­deutung auf. Er meinte, die Reichsfuhrer hätten die Wahl gehabt, entweder den Großteil des Staats- gebildes oder ein faul werdendes System aufrecht­zuerhalten. Er forderte die Schaffung der allgemei­nen Steuerpflicht, der politischen Rechtsgleichheit, der Volksvertretung und einer unabhängigen na­tionalen Regierung in Ungarn Es war ihm bewußt, daß diese Forderungen nur durch Veränderungen m der außenpolitischen Lage öffentlich vorgebracht werden durften. In diesem Bewußtsein forderte er ferner auch eine Verfassung für die Kronländer des Habsburgerreichs: “Eure Majestät werden das si­cherste Schutzmittel der eintretbaren Mißstände, das freundlichste Einvernehmen Eurer treuen Völ­ker, die stärkste Verbindung der verschiedenen Kronländer der Monarchie und durch all dies die unerschütterlichste Stütze Eures hoheitlichen Throns und des Herrscherhauses darin finden, wenn Sie Euren Fürstenstuhl in all Euren Herrscherverhältnissen von der Zeit notgedrun­gen unumgänglich verlangten populären konsti­tutionellen Institutionen umgeben. ” Das war jene Forderung, die die Durchsetzung der Umgestaltung in Ungam förderte. Die Nachricht der Pariser Revolution erschreckte zwar die Macht­besitzer, sie konnten allerdings auch weiterhin auf die bewaffnete Hilfe des russischen Zaren Niko­laus I. zählen. Auch Kossuth rechnete damit, als er in seiner Rede daraufhinwies: “Und wenn es wirk­lich in Wien einen Mann gibt, der im Interesse der Macht seiner gezählten Tage und auf Kosten der Dynastie mit dem Bündnisse absoluter Mächte liebäugelt, so sollte er doch bedenken, daß es Mächte gebe, deren Freundschaft gefährlicher als ihre Feindschaft sei." Die in deutsche Sprache übersetzte und veröffentlichte Rede Kossuths setz­te in Wien einen Gärungsprozeß in Gang, der eine gewaltsame Reaktion unmöglich machte. Am 13. März brach die Revolution in Wien aus, so war Metternich gezwungen abzudanken und zu fliehen, der Monarch wiederum mußte den Völkern Öster­reichs eine Verfassung versprechen. Wiens Revolution kam der ungarischen Opposition zweifelsohne sehr gelegen. Der aufgrund von Kossuth’s Rede formulierte Adreßentwurf wurde im Oberhaus liegengelassen. Die Wiener Revoluti­on veränderte aber die Situation. Die Herrenhaus­mitglieder nahmen am 14. März Kossuths Adreßentwurf an, den eine Landtagsdelegation am nächsten Tag nach Wien brachte. All das wäre noch nicht genug gewesen. Zu dieser Zeit stellte sich heraus, wie gut die Politik der Interessenabstimmung der Reformzeit funktionier­©

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