Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“

Lorenz Mikoletzky: Zum Geleit

ZUM GELEIT Hon.-Prof. Dr. Lorenz Mikoletzky Es freut mich für das Österreichische Staatsarchiv, dass der vor mehreren Jahren geknüpfte Kontakt mit der russischen Archivverwaltung in Sachen gemeinsamer Ausstellungen fortgesetzt wird. Stand 1999/2000 Peter der Große im Mittelpunkt, so ist es diesmal sein Sohn, der Zarewitsch Aleksej. Ein entscheidendes Kapitel seines kurzen Lebens spielte sich in der Habsburgermonarchie ab. Der mäßig begabte und willensschwache Kronprinz wollte von selbst auf die Nachfolge verzichten und in ein Kloster gehen. Bei diesen Überlegungen geriet er auch in Kreise, die ihn gegen seinen Vater mißbrauchen wollten. Dieser war massivst gegen die Pläne Aleksejs und so sah dieser nur mehr den Ausweg aus der Situation in der Flucht zu sei­nem Schwager, Kaiser Karl VI. nach Wien. Weiter ging es unter dessen Obhut ins Asyl nach St.Elmo bei Neapel, von wo er, unter verschiedensten Vorspiegelungen 1718 nach Russland zurückkehrte. Wegen der angeblichen Teilnahme an einer Verschwörung gegen den Zaren vor ein Sondergericht gestellt, wird er zum Tode verurteilt. Die seinem Vater überlassene Entscheidung, wie auch immer die gelautet hätte, wäre auf jeden Fall zu spät gekom­men, da Aleksej am 26.Juni 1718 wahrscheinlich an den Folgen der Folterungen verstarb. Schon im Vorfeld des Urteils war am 3.Februar 1718 dem russischen Volk folgendes kundgemacht worden: „Kraft väterlicher Gewalt, die auch jedem unsererer Untertanen nach den Gesetzen unseres Staates das Recht gibt, seinen Sohn zu enterben ... und als autokratischer Herrscher nehmen wir um des Staatsnutzens willen unserem Sohn Aleksej das Recht der Nachfolge auf unserem allrussischen Thron, selbst dann, wenn keine andere Person in unserer Familie mehr übrigbleiben sollte“.' War 2011 die große Ausstellung des Österreichischen Staatsarchivs Kaiser Karl VI. gewidmet, so passt das jetzige Thema als Ergänzung der historischen Betrachtung des 18.Jahrhunderts sehr gut in die behandelte Zeit und ich darf meinem Nachfolger im Amt des Generaldirektors des Österreichischen Staatsarchivs sehr herzlich danken, dass er die seit längerem angedachte Ausstellung in sein Programm aufnahm. Für die Vorbereitungen und die Durchführung möchte ich den in bewährter Weise helfenden Damen Sabine Gfrorner und Michaela Follner herzlichst danken. Frau Univ.-Prof. Dr. Iska Schwarcz, Universität Wien, hat mit ihren guten Verbindungen in die Russische Föderation, alle wichtigsten Schritte in die notwendigen Bahnen geleitet und zeichnet somit für die Wiener Ausstellung als hauptverantwortlich. Dafür großer Dank. Den Kolleginnen und Kollegen auf russischer Seite sei für alle Mühen ebenso allerherzlichst gedankt und der Ausstellung der verdiente Erfolg gewünscht. Hon.-Prof. Dr. Lorenz Mikoletzky Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs i.R. 1 Günther Stökl, Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 1962, S. 386. 5

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