Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“
Ernst Petritsch: Bericht über den Aufenthalt des Zarewitsch Alexej in den habsburgischen Ländern 1716-1718
BERICHT ÜBER DEN AUFENTHALT DES ZAREWITSCH ALEXEJ IN DEN HABSBURGISCHEN LÄNDERN 1716-1718 HHStA, StA Russland I 24, Konv. 2, fol. 1 ff. (18 beschriebene Blätter) [fol. Ir] Anno 1716 den 21ten 9bris (Novembris) spathen abends gegen 10 uhr, alß ein Officier von dem Kayfserlichen] Reichs Hof Vice-Cantzler in desßen quartier bey Hof mit denen Unterzeichneten Post-Briefen zu deren gantzer abfertigung auß desßen Cabinet umb wieder auf die Cantzley zu gehen, außtritt, so trifft derselbe einen gestiefelten Menschen auf der Stiegen an, welcher mit gebrochenem Teutsch und Französischen women zu bem[eltem] Reichs Hoff V[ice] Cantzier augenblickhlich gelaßen zu werden verlanget, und alß er der spathen zeit halber auf den morgenden Tag ver- wießen worden, derselbe herentgegen mit Impetuosität gleichsam eintringen wolte, so ist er gefragt worden, was ihn dan so gar sehr pressire, derselbe replicirte, er müste hinein zu dem R[eichs]HofV[ice]Cantzlern, seye [fol. lv] aigendts abgeschickht, und habe den Befehl annoch heut mit ihme zu reden, welchemnach er angemeldet worden, alß nun der Reich Hof Vice-Cantzler eben ahn deme ware zu Bett zu gehen, und den Frembden auf morgen frühe 7 uhr mit dem erinneren wieder bestellte, daß er, wan er was schrifftlich habe, immitelß es hinein schickhen und sich zu erkennen geben, so replicirte er, man mögte ihn nur vorlasßen, es würde sich alles schon Zeichen, und drohete auf die letzte gar, daß er widrigen falß gerad nach Hof zum Kayßer gehen wolte, dan et Sachen mitbrächte, wovon Ihro Kayß[erliche] May[estä]tt noch heut informirt seyn müsten, alß er nun, ohnahngesehen der H[err] R[eichs]H[of] V[ice] Cantzier im Schlafrockh ware, vorgelasßen wurde, so brache er mit diesen Women herauß, unßer Cron-Printz der Czarowiz ist drunten [fol. 2r] auf dem Platz, und will mit Ew[er] Excellfenz] reden; die gestalt und arth des Menschens auch desßen Vorbringen ware so geartet, daß der Reichs-Hof-Vice-Cantzler ihn erinnerte, mit der Wahrheit umbzugehen, und dan der Czarowiz zu ihme und anhero käme, so übersetzte derselbe, der Czarowiz habe viel gutes von ihme R[eichs]H[of]V[ice]Cantzlern, auch gehört, daß ahn diesem Hof die frembde sich zu ihme zu wenden hätten, alßo komme er auch zu ihme, übrigens wolte sein Herr gantz geheimb und von Niemand gesehen seyn, des halben er sich in dem nahe gelegenen Würtz-hauß beym Klapperer genant zeit gestern mit ihme allein, alle seine in 3 Persohnen bestehende Leuthe aber und weniges bagage in der Leopold-Statt gehalten habe; alß ihme nun repliciret, der R[eichs]H[of]V[ice]Cantzler würde sich gleich selbst in stand setzen, und zu seinem herrn kommen, [fol. 2v] und indesßen einen Vertrauten schickhen, so replicirte er, der Czarowiz seye schon bey handen, mögte nur Jemand mit schickhen, er wollte gleich Selbsten ihn bringen; so auch durch den mit einem Compliment abgeordneten Officier so geschwind beschahe, daß der Czarowiz sambt obigen beiden eingetretten, ehe und bevor der R[eichs]H[of]V[ice] Cantzier sich gantz an zu kleiden die zeit gewinnen könnte. Der anspruch von weyl[and] Ihrer D[urchlaucht] ware demnach in etlichen höflichen women besondern Vertrauens wie oben gemeldet, sambt dem begehren diese Leuthe abtretten zu laßen, welches kaum geschehen, so brache derselbe mit großen gesticulationen folgender masßen herauß, Ich komme anhero umb den Kayßer meinen Schwager umb Protection und daß er mein Leben errette, zu bitten, man will mich umbringen, man will mich [fol. 3r] und meine arme Kinder umb die Cron bringen, mit voller Angst überall herumschauent, und von einem auf den andern orth laufend, und alß der R[eichs]H[of]V[ice]Cantzler den Czarowiz wohl betrachtet, auch habender beschrei- bung nach erachtet, daß es der Czarowiz seyn -, und sonsten unmöglich wäre, daß ein anderer sich so positive herauß laßen oder hazardiren könte, mithin dem Czarowiz tröstlich zusprache, und dadurch zu beruhigen suchte, daß er ja allhier in voller Sicherheit seye, so fragte er endlich weiter, worinnen dan seyn wahn und angst bestehe, was er dan vorzubringen und zu suchen habe, der Czarowiz ersetzte, der Kayßer muß mein Leben retten, meine und meine Kinder Succession salviren, mein Vatter will mich drumb bringen, ich hab nichts verschuldet, meinen Vatter niemahl erzürnet oder leyds gethan, ich kan nicht davor [fol. 3v] daß ein schwacher mensch bin, Menschikof hat mich alßo erzogen, man hat mit saufen meyne gesundheit mit fleyß ruiniret, nun sagt mein Vatter ich seye nichts nutz zum Krieg und zu der regirung, ich hab aber noch verstand genueg zum regiren, Gott ist herr und gibt die Erbschaflften, doch will man mir den Kopf schehren und mich in das Closter steckhen, wodurch es umb die Succession gethan, und mich mein Leben kostet, dan ich will und schickhe mich nicht ins Closter, der Kayßer muß mein Leben schützen, und wurde er hierunter so voller angst und athem, daß er auf einen Sessel niederfiele, schreyend, führet mich zum Kayßer, endlich ein Trunckh bier begehrend, in desßen ermanglung, nach einem glaß Moßel-Wein, und alß man ihn zu beruhigen suchte, indeme er allhier in Sicherheit, zum Kayßer aber zu gehen, es seine allerhand ahnstoße, heut aber zumahlen 33