Ausstellungskatalog „Die Flucht des Zarewitsch“

Stefan Seitschek: Das Ringen um einen Ausgleich in Europa

DAS RINGEN UM EINEN AUSGLEICH IN EUROPA Stefan Seitschek Der Beginn des 18. Jahrhunderts war von Auseinandersetzungen gekennzeichnet, die über das Kräfteverhältnis zwischen den europäischen Großmächten entscheiden sollten. Nach militärischen und finanziellen Anstrengungen, die den Krieg führenden Parteien neben Ländergewinnen auch große Lasten aufbürdeten, begannen jedoch immer mehr Diplomatie und die Idee einer Etablierung eines Gleichgewichts der Kräfte zu dominieren. Dies mündete in mehrere Allianzen zur Erhaltung des hart errungenen Friedens und Kongressen, wo die unterschied­lichen Interessen zur Verhinderung neuer Kriege ausgeglichen werden sollten. Mitten in dieser Phase zwischen Kriegen und Bündnissen erreichte der Zarewitsch Alexei Wien und manöv­rierte damit die kaiserliche Diplomatie in eine verzwickte Situation. Karl schützte zwar seinen Schwager, brachte damit Wien aber politisch in eine heikle Situation.28 Der historische Kontext, die handelnden Mächte und die Schwierigkeit des Umgangs mit dieser Lage soll im Folgenden dargestellt werden. Der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) Gleich am Beginn des 18. Jahrhunderts brachte ein Ereignis das europäische Kräftegleichgewicht ins Wanken: Am 1. November 1700 starb der kränkliche Karl II. von Spanien ohne einen leiblichen Nachfolger zu hinter­lassen. Er war der letzte Vertreter der spanischen Linie der Habsburger, die mit Karl V. und Philipp II. ihren Anfang genommen hatte. Dem spanischen Weltreich mit seinem weitgestreutem Besitz in Europa, etwa in Italien oder den Spanischen Niederlanden (heute: Belgien) und in Übersee fehlte damit ein Erbe. Bereits vorher hatte der absehbare Tod Karls geschäftiges Treiben der Diplomaten in Madrid und den anderen europäischen Höfen bewirkt. Daraus ging die französische Diplomatie als Sieger hervor, da Karl II. in seinem letzten Willen den Enkel Ludwigs XIV., Philipp, als Nachfolger in allen seinen Ländern bestimmte. Letztlich war wohl die Hoffnung der Garantie eines ungeteilten Erhalts seines Erbes durch den mächtigen französischen König der ausschlaggebende Grund. Auch drängten die anderen europäischen Mächte, vor allem die Seemächte England und die niederländi­schen Generalstaaten, nicht unbedingt auf einen Krieg, sofern eine Personalunion der spanischen und französi­schen Krone durch einen Verzicht Philipps ausgeschlossen würde. Die Nachfolge der Bourbonen in Madrid konnte jedoch Kaiser Leopold I.29 nicht akzeptieren: Aus Sicht der österreichischen Habsburger hätten sie den legitimen Anspruch auf Antritt des Erbes ihrer spanischen Verwandten, auch wenn sich die enge Unterstützung beider Linien mit der sinkenden spanischen Macht und nach dem Westfälischen Friedensschluss (1648) gelockert hatte. Ludwig XIV. hatte die älteste Tochter Philipps IV, des Vaters Karls II., geheiratet. Diese musste explizit auf ihre spanischen Ansprüche verzichten, nicht jedoch die mit Leopold I. verheiratete jüngere Schwester. Die Konsequenz war, dass Wien die Nachfolge des zweitgeborenen Sohnes des Kaisers, des jungen Erzherzogs Karl, erzwingen wollte. 1703 verzichteten der Vater und der ältere Bruder Joseph auf ihre spanischen Ansprüche, die Brüder sicherten sich jedoch wechselseitige Erbfolge zu (Pactum mutuae successionis). Dieser geheim gehaltene Familienvertrag machte Karl zum Vertreter der habsburgischen Ansprüche, was in seiner Proklamation zum spanischen König durch den Vater Leopold und den Aufbruch nach Spanien mündete. Karl begab sich drei Jahre nach seinem französischen Kontrahenten auf die iberische Halbinsel, der Spanische Erbfolgekrieg hatte bereits längst begonnen: War Leopold zu Beginn ohne Verbündete in die Auseinandersetzung mit dem scheinbar übermächtigen französischen König getreten, hatten Erfolge in Italien durch Prinz Eugen, vor allem aber eine mögliche Gefährdung der Handelsinteressen der Seemächte mit den spanischen Kolonien durch Ludwig XIV. und auch die nicht ausgeschlossene Nachfolge Philipps auf dem französischen Thron, die Seemächte eine Allianz mit den Habsburgern eingehen lassen. Der Krieg in Italien, im südlichen Reich, am Rhein, den Spanischen Niederlanden oder der Iberischen Halbinsel verlief mit wechselnden Erfolgen auf beiden Seiten. Es gelang zwar den Habsburgern und ihren Verbündeten, die französisch-bayrischen Truppen zu besiegen, den bayrischen Kurfürsten zu vertreiben und dessen Land unter kaiserliche Administration zu stellen30 und Oberitalien sowie die Spanischen Niederlande zu sichern, doch blieb ein entscheidender Erfolg in Spanien selbst verwehrt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Kaiser Joseph I. v.a. die 28 Robert K. Massie, Peter der Große. Sein Leben und seine Zeit. Wien e.a. 1992, S. 573-583. 29 Geb. 1640, Ks 1658-1705. 30 Vgl. Aufzeichnungen dieser Administration von 1705 bis 1708 im ÖStA, AVA, Familienarchiv Harrach Hs. 652. 11

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