Manfried Rauchensteiner: Waffentreue – Die 12. Isonzoschlacht 1917

Manfried Rauchensteiner: Einleitung

begann eine Verfolgungsschlacht, die über den Tagliamento und an den Piave führte. Auch dieser Fluss wurde überschritten. Anfang Dezember rückten ein britisches und ein französisches Armeekorps in die dünn gewordenen italienischen Linien ein und bildeten jenes Korsett, das zur Festigung der alliierten Front nötig war. Die Niederlage der Italiener wurde folglich nicht zur Katastrophe der Entente. Sechs Wochen hindurch hatten sich vornehmlich die österreichischen Zeitungen in ihren Meldungen über den Erfolg der verbündeten Truppen überschlagen. So wie es dann Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“ gar nicht so sehr überzeichnete (4. Akt 1. Szene): „Extraausgabe - ! Vamichtende Niedalage der Italiena ... Tagblad! Unwidastehliches Vurdringen unsara Truppen ... Der Erfolg der Offensivee!“ Doch auch jene, die schon eine Art professioneller Zurückhaltung übten, wie der Reichsratsabgeordnete und zeitweilige Minister Josef Redlich, konnten sich nicht genug tun, ihre fast ungläubige Freude zu äußern: Hier hofft man auf eine „Sedanisierung“ eines Teiles der italienischen Truppen. 75.000 Gefangene sind bis jetzt und 800 Kanonen erbeutet worden. Der Kaiser verweilt in Laibach und hat das oberste Kommando über unsere und die deutschen Truppen. Was werden England und Amerika mit dem flügellahmen Italien anfangen? Für uns ist aber doch großartig, dass wir nach 314 Kriegsjahren, mit deutscher Hilfe natürlich - anders ging es ja nicht - imstande sind, Italien an der einzigen Front, an der es kämpft, vernichtend zu schlagen und in vier Tagen um die Früchte von elf Isonzoschlachten zu bringen.3 Und wie der Zufall so spielte, wurde im November 1917 gerade die 7. Kriegsanleihe aufgelegt. Angesichts des österreichischen Sieges wurde sie zu einem ganz außerordentlichen Zeichnungserfolg. Schließlich riefen sogar Bischöfe wie der Brixener Fürsterzbischof Franziskus Egger zur Zeichnung auf und verknüpften dabei völlig ungeniert Krieg, Sieg und Anleihe, wenn Egger im November 1917 in einem Hirtenbrief schrieb: Unsere herrlichen Armeen haben erst in den letzten Tagen eine glänzende Offensive gegen unseren Erbfeind eröffnet und haben demselben nicht nur die Früchte seiner 11 Isonzo-Schlachten binnen wenigen Tagen vollständig entrissen, sondern ihn tief in das eigene Land zurückgeschlagen. Der Himmel ist auffallend mit uns ... Gott selbst hat uns also in die richtige Stimmung für die kommende 7. Kriegsanleihe versetzt.4 Am 3. Dezember wurde die Offensive offiziell beendet und das Beziehen von geeigneten Stellungen befohlen. Die Versorgung der weit vorgedrungenen Truppen war nicht mehr gewährleistet. Sie hatten nicht mehr die benötigte Munition und waren wohl auch am Ende ihrer Kräfte. Abgezehrte österreichische Soldaten in abgerissenen, schmutzgetränkten Uniformen, ohne Wäsche darunter, die stieren Blicke aus geröteten Augen ins Vorfeld gebohrt - so 3 Fellner, Fritz (Hrsg.): Schicksalsjahre Österreichs 1908-1919. Das politische Tagebuch Josef Redlichs, Bd. 2, Graz-Köln 1954 (Veröffentlichungen der Kommission für neuere Geschichte Österreichs 40), S. 345. 4 Achleitner, Wilhelm: Gott im Krieg. Die Theologie der österreichischen Bischöfe in den Hirtenbriefen zum Ersten Weltkrieg. Wien-Köln-Weimar 1997, S. 261. Die Kriegsanleihe brachte denn auch ein Ergebnis von sechs Milliarden (!) Kronen. 6

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