Historische Momente polnisch-österreichischer Beziehungen vom 14. – 20. Jh.

Jerzy Gaul, Warschau: Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Polen und Österreich vom 14.-20. Jahrhundert

des Wahlrechts, die 1907 in der Einführung des freien allgemeinen Wahlrechts, allerdings nur für Männer, gipfelten (demgegenüber waren 1876 nur sechs Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt). Die Polen waren hervorragende Parlamentarier (u. a. Franciszek Smolka, Ignacy Daszyriski) und übten in Wien höhere Staatsfunktionen aus. Sie waren Minister (Julian Dunajewski, Leon Bilinski) und Ministerpräsidenten (Agenor Gotuchowski, Kazimierz Badeni). Die Akzeptanz der Autonomie bedeutete nicht automatisch die Aufgabe des Wunsches nach Polens voller Souveränität. Für viele Schichten der polnischen Gesellschaft blieb der Wiedergewinn der Unabhängigkeit das attraktivere Ziel. Nachdem die Polen in jeder militärischen Aktion gegen die Teilungsmächte - vom Kampf der Legionen Dqbrowskis nach der dritten Teilung bis zum Aufstand 1863 - unterlegen waren, wurde es den polnischen Eliten klar, dass ein Taktikwandel im Kampf um die Unabhängigkeit notwendig war. Statt des Traums vom gleichzeitigen Kampf gegen alle Besatzer bot sich die eher pragmatische Konzeption der Zusammenarbeit mit einer der Teilungsmächte gegen die anderen an. Die pro­österreichische Option war nicht nur für die konservativen Parteien besonders attraktiv, sondern auch für zahlreiche unabhängige Parteien wie die Sozialisten, die im liberalen Österreich die Basis für die Realisierung ihrer politischen Pläne - den Kampf gegen Russland als den größten Feind Polens - sahen. In Zusammenarbeit mit den österreichischen militärischen Behörden kam es zur Entstehung möglicher Keimzellen eines künftigen polnischen Heerwesens durch die Gründung zahlreicher paramilitärischer Organisationen (Verein des Aktiven Kampfes, Schützenverbände 14

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