700 Jahre Schweiz

II. Von der Habsburg nach Österreich

rotgefärbtes Wachs vorrätig. Die Abfolge richtet sich nach dem Rang der Bündnispartner: Das Siegel des Kaisers steht an der Spitze, die zweite und dritte Stelle nehmen das eher bescheidene Siegel Ferdinands von Aragon und das unkorrekte Sforzasiegel ein. Daran schließen sich 17 zum Teil höchst realistisch in scharfkantigem Relief geschnittene Siegel der Eidgenossen, deren Zahl sich gegenüber der Erbeinigung von 1511 (siehe n. 14) erhöht hat, - Wallis und die Drei Bünde von Churwaiden kommen hinzu. Im Bündnis vom 8. Februar kulminierte die antifranzösische Haltung der Eidgenossenschaft, die sich in ihrem Einsatz in der Lombardei von König Ludwig XII. von Frankreich getäuscht sah. In den jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen aller interessierter Mächte um den Besitz des Herzog­tums Mailand seit dem Einfall der Franzosen in Oberitalien (vgl. n. 13) waren die schlagkräftigen, als unbesiegbar geltenden Schweizer Truppen immer wieder kriegsentscheidend gewesen. Ihre Erfolge zogen eine Emanzipation vom Status des bezahlten Söldners zum eigenständig Handelnden nach sich. Die Eidgenossen betrieben Außenpolitik, als Mailand gegen Tributleistung zu ihrem Schutzgebiet wurde und 1513 in ihr Eigentum überging. Daß der französische König diese Entwicklung nicht akzeptierte, veranlaßte die militärischen Sieger, sich seinen Feinden - Papst, Kaiser, Spanien - zu nähern. In rascher Folge wurden ab Dezember 1514 Allianzen gegen die Franzosen geschlossen, die es zunächst vermieden, den Gegner beim Namen zu nennen. Das Bestreben der Verbündeten ging dahin, den Frieden in Italien auf der Basis des Status quo zu erhalten, und damit war die antifranzösische Spitze angedeutet. Diese handgreifliche Absicht wurde durch ein höheres Ziel verschleiert: Die Liga sollte einem Zug gegen die Türken dienen, der ja aber nur dann durchgeführt werden konnte, wenn die Lombardei nicht weiterhin Kriegsschauplatz blieb. Demgegenüber ließ man am 8. Februar sprachlich und inhaltlich alle Fiktionen fallen. Es mußte die Eidgenossen mit Triumph erfüllen, daß sie zum ersten Mal nicht nur als Lieferant von Söldnern miteinbezogen, sondern gleichberechtigte, voll handlungsfähige Vertragspartner waren. Offen wurde in der Präambel Frankreich als Grund allen Übels gebrandmarkt, vor Frankreich galt es sich gegenseitig zu schützen. Papst Leo X. stellte man offene oder geheime Teilnahme frei, die Medici, die Stadt Florenz und der Doge von Genua waren „eingebunden“. Auch ohne den Heiligen Stuhl war man gewillt, alle Bündnisartikel zu erfüllen, die alle Möglichkeiten kriegerischen Eingreifens gegen Frankreich durchspielten, je nachdem, welches Allianzmitglied momentan am gefährdetsten war. Man rechnete nicht nur mit einer Attacke gegen Mailand oder dessen Parteigänger, sondern auch mit einem französi­schen Losbrechen in den Niederlanden, ja sogar mit einem Einfall König Franz’ I. in das Gebiet der Eigenossenschaft. In wechselnder Zusammenset­zung mußten entsprechend dem aktuellen Gefahrenstand die Verbündeten zu Hilfe kommen. Waren die Eidgenossen auch bereit, 10-12.000 Fußknechte für die Defension ihrer Partner zu stellen, vergaßen sie darüber nicht das eigene Anliegen, die Durchsetzung ihrer Ansprüche gegenüber Frankreich, die 29

Next

/
Thumbnails
Contents