Prékopa Ágnes (szerk.): Ars Decorativa 29. (Budapest, 2013)

Balázs SEMSEY: Irreguläre Ornithologie. Angaben zur (Um)Gestaltung der Interpretation eines Motivs

nössischen Zeitschrift zu sehen, in deren bühnenartigem Raum Figuren agieren, de­ren Tätigkeit mit der Presse zusammen­hängt: von einer kleinen Gruppe der einen Kalender verfertigenden Astrologen, die Nachricht formulierenden Journalisten bis zu den Druckern und Zeitungsverkäufern hin. Im Mittelpunkt der Szene steht mit ei­ner Keule in der Hand und Spitzhut ein beliebter Darsteller der damaligen Wander­bühnen -Jean Potage, mit anderem Namen Hans Supp oder Hans Wurst, der das Pub­likum mit den eigenen Untugenden kon­frontiert. Am Arm dieser Figur steht - als Nebendarsteller, eine Art stiller Räsoneur - der Vogel Selbsterkenntnis.16 Seine An­wesenheit ist einerseits als Warnung für das Leserpublikum gedacht, das stets gierig nach sensationellen Nachrichten und oft zu leichtgläubig ist. Andererseits ist es eine an die Nachrichten verfassenden Journalisten adressierte (selbst)ironische Medienkritik aus der Heldenzeit der gedruckten Presse. Die früheste bekannte Darstellung des Motivs blieb überraschenderweise nicht auf deutschem Sprachgebiet, sondern in Slowenien erhalten. In einer Kassette der bemalten Holzdecke in der Kirche zum Hl. Veit in Martinjak aus dem Jahre 1621 ist der Vogel zu sehen, neben ihm steht die folgen­de Aufschrift: ANNA TIZA ALLE GOS PRIMI VSAK SEBE SA NOS (Ein Vogel oder eine Gans, jeder nehme sich selbst bei der Nase).17 (Abb. 4) Die Verbindung der slowenischen Decke sowie der genannten deutschen und österreichischen Denkmäler ist nicht geklärt, es scheint jedoch wahr­scheinlich, dass die Darstellung solche, noch frühere und unbekannte Vorbilder hatte, die als Vorlage zu damals bekannten Werken dienten. In der slowenischen Kunst taucht das Motiv - außer der Deckenkas­sette und vermutlich davon unabhängig ­anderswo ebenfalls auf. Eine charakteristi­sche Gattung der slowenischen Volkskunst bilden die bemalten Bienenstockbrettchen, die seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts in besonders großer Zahl erhalten ge­blieben sind. Unter den bemalten Brettern, die meistens nach Kompositionen von deutschen oder österreichischen Holz­schnitten verfertigt worden waren, sind Szenen sowohl sakraler als auch weltlicher Themen; die Sammlung des Slovenski Et- nografski Muzej in Laibach/Ljubljana ent­hält sogar zwei, im 19. Jahrhundert ent­standene Tafeln, auf denen die charakteris­tische, obwohl etwas unbeholfene Darstel­lung des Vogels erscheint.18 Den erwähnten Bildern fehlt jedoch die deutende Auf­schrift, und der Vogel kneift auch nicht in die Nase des menschlichen Gesichtes auf seiner Brust. Dies weist darauf hin, dass das Motiv, das über mehrere Vermittler die Künstler erreichte, lediglich eher eine hu­morvolle Figur der Phantasie war, deren allegorischer Inhalt bereits in den Hinter­grund gedrängt worden war. Im deutschen und österreichischen Raum bewahrte das Vogel-Motiv - parallel mit der bildlichen Darstellung, und dank jener Werke, die schriftlich oder mündlich tradiert wurden - seine ursprüngliche Be­deutung. In den letzten Jahrzehnten wurde es sogar - auf Wirkung etwas museologi- scher Inspiration - Teil unserer visuellen Kultur. 1998 veranstaltete das Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck die Aus­stellung Der Vogel Selbsterkenntnis - Ak­tuelle Künstlerpositionen und Volkskunst aus Arbeiten zeitgenössischer Künstler; wobei als Motiv der Ausstellung und der Programme das in der Sammlung des Mu­seums aufbewahrte und bereits erwähnte Tafelbild diente.19 Die eingeladenen fünf­undzwanzig Künstler stellten ihre Gele­45

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