Szilágyi András (szerk.): Ars Decorativa 17. (Budapest, 1998)

Ágnes PRÉKOPA: Die Ornamentalisicrung von Motiven in der angewandten Kunst. Automatische Amorettenfiguren an Wiener Kommodenuhren

Knöchel reichende Kleider eindeutig von den Jungen-Amoretten unterschieden. Auf den Karten mit französischen Farbzeichen wurde die Herzform in Schmetter­lingsflügeln umgewandelt, die als Attribut Psyches zu betrachten sind, und mit dem die Jungen- und Mädchen-Amoretten eindeutig ausgestattet wurden. In diesem Fall können die Figuren beider Ge­schlechter als Amoretten bezeichnet wer­den, weil sie im Text des einen Almanachs "Amorinen" genannt werden. 18 Der Almanach ist ein populäre Gattung, die nicht nur aus literarischer, sondern auch aus graphischer Sicht als "angewandt" zu betrachten ist, außerdem verlieren sich nicht nur die Autoren der Texte, sondern auch die Meister der Illustrationen häufig in der Anonymität. Auch deshalb lohnt es sich, weitere Parallelen zwecks Unter­suchung der auch im Kunstgewerbe be­liebten Motive unter neuen Aspekten zu nutzen, in unserem Fall zur Erschließung neuer überraschenden Eigenschaften der Amoretten. Auf dem Titelblatt des von dem Wiener Franz Ludwig herausgegebenen 3. Jahrgangs von 1833 der "Vesta" ist als eine Art Neujahrsgruß in einem Rahmen aus Rosen eine niedliche, kleine Amorette zu sehen, die aus einem Ei schlüpft. 19 (Auf­grund der Übereinstimmung der Form muß man einfach an die als Neujahrsgruß ver­schickten Spitzenbilder aus Pergament denken, auf denen das Jesuskind auf einem Rosenkorb sitzt.) Die Darstellung als "Geflügel" läßt sich im Grunde von einem Wandgemälde in Pom­peji ableiten, das durch zahlreiche Schnitte bekannt wurde und in der Monumental­malerei in der Interpretation "La mar­chande de Cupidons" (1763) des Joseph­Marie Vien (1716-1809) aktualisiert wurde. Auf der Darstellung zieht die "Liebesverkäufcrin" ihre Ware - die Amorette - am Flügel aus dem Korb. (Die Bezeichnung ist durch den Plural bedingt.) Solche Darstellungen sind auch bei den Uhrgehäusen, die den primären Gegenstand dieser Untersuchung darstellen, nicht unbekannt. Auf einem von Claude Galle gefertigten Uhrgehäuse zum Beispiel ist als selbständige Plastik ein Nest zu sehen, in dem drei Amoretten sitzen, während eine Frauenfigur einen Kranz über ihre Köpfe hält." Dieses Amor-Nest ist keine einzig­artige Lösung, doch sie erlangt durch ihre kompositionellc Funktion starke Betonung und große Aufmerksamkeit, da sie als Rund-Plastik auf dem vom Uhrgehäuse ge­bildeten Sockel steht. Die Amoretten bewegen sich an der Grenze zwischen Darstellung und Ornamentik hin und her und kommen in den verschiedenen Werken der grand art und der weniger bedeutsamen Gattungen vor. Die strengen antiken Kanons der klassizistischen Kunst wurden kontinuierlich verbürgerlicht und gelockert, die Motive zunehmend verein­facht. Unter den Gesichtspunkten bei der Themenwahl gewann die Empfindsamkeit auf Kosten der Kenntnis der antiken Au­toren zunehmend an Gewicht, bis schließlich auch die letzte Welle ernster und in fundiertem Wissen begründeter antiker Inspiration in der Geschichte der europäischen Kunst langsam verebbt. Zeugen und Dokumente dieses langsamen Dahinschwindeiis sind die hier vorgestell­ten Stücke.

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