Imre Jakabffy (szerk.): Ars Decorativa 7. (Budapest, 1982)
DÁVID, Katalin: Rekonstruktion des Elfenbeindiptychons von Győr/Raab
zweig, was dieser im Zeitpunkt ihrer Bestattung an der Spitze des Zuges tragen sollte. Die übrigen Apostel kommen aus Wolken an, so sind sie alle, als Christus um die Seele seiner Mutter mitzunehmen erscheint, im Augenblick des Todes anwesend. Die Bestattungszeremonie wurde seitens der Juden mit Leitung des Hohepriesters gestört, doch da vertrocknet die Hand des den Sarg berührenden Priesters, und die Begleiter erblinden. Der Hohepriester sich auf Wort des Apostels Petrus bekehrend, wird heil, und mit dem vom Engel angebrachten Palmenzweig gibt er die Sehkraft seiner Gläubigen zurück. Der ins Grab gelegte Leib Maria ist von Engeln in den Himmel emporgehoben worden, wo der thronende Christus sie zu sich setzt. Apostel Thomas, der nicht der leiblichen Aufnahme Maria anbei war, glaubt an die Himmelfahrt nicht, worauf als Beweis der Gürtel Maria aus dem Himmel herabfällt. Seit Ende des 13. Jahrhunderts treffen wir oftmals die Aufarbeitung der Ereignisfolge dieser Legende der Darstellungen des Todes und der Verklärung Maria. Besonders zeigt sich mit reichem Stoff die epische Vergegenwärtigung des Themas in der französischen, italienischen und deutschen Kunst, wo der Text der Legenda Aurea mit mehr oder weniger Vollständigkeit illustriert wurde. 15 Doch zur Rekonstruktion des fehlenden linken Flügels des Győrer Diptychons ist die Kenntnis der ikonographischen Quelle nicht genügend, diese leistet bloss für die thematische Lösung der vorhandenen Tafel Hilfe, allein dazu gibt es keine Antwort, was die drei kleinen Bilder des verlorengegangenen Flügels aus den vorangehenden Geschehnissen der Bestattung welches Thema mit welcher Kompositionsform dargestellt hatten. Diese Diptycha sind nämlich nach, bis in die Einzelheiten, festgesetzten Schemen verfertigt worden, folglich war die Bedingung der theoretischen Rekonstruktion der Győrer Tafel der Aufschwung einer Analogie, deren rechter Flügel mit der Győrer Tafel identisch sei: verziert mit Rosetten, dreiteilig und die drei Bilder nicht nur gleich nach Thematik, sondern auch in den Einzelheiten der Lösung identisch. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ist das mittlere Bild entscheidend: mit Musikinstrumenten, mit der Szene des jüdischen Priesters und mit der Darstellung der Auferhebung Maria im Grabtuch (Abb. 2). Wir sollen diese Sachen in den zur Rekonstruktion aufwendbaren Analogien suchen, die sonstigen Details können sich nach Werkstätten, nach der Persönlichkeit des Künstlers ändern, so z.B. die Zahl der Nebenfiguren, die förmliche Lösung der Totenbahre, die Bekleidung, der Haartracht, die Gebärden usw. 16 Die Anzahl der zur Rekonstruktion aufwendbaren Analogien beweist, wie aussergewöhnlich die Győrer Elfenbeintafel sich in der ikonographischen Lösung zeigt. Ich kenne bloss nur zwei solche Diptycha, die den erwähnten Bedingungen entsprechen und so zur Rekonstruktion Grundlage bieten. Das eine, worauf sich die Fachliteratur oft beruft, 17 ist das von der Maria im Capitol-Kirche aus Köln stammende und heute im Erzbischöflichen Diözesanmuseum bewahrte hölzerne Diptychon (Abb. 3—4). Das andere, dessen ich nur eine einzige literarische Hinweisung kenne, nach Beschreibung auch in Einzelheiten mit dem Kölner identisch sei, ist das Elfenbeindiptychon der Sammlung Baboin in Lyon. 18 So die Kölner, wie auch die Lyoner Diptychonflügel sind dreiteilig und die oberen Ränder der einzelnen Bilder mit Rosettenfriesen gerahmt. Dies ist die erste Bedingung der Rekonstruktion. Zum Beweis ihrer ikonographischen Identität muss man den rechten Flügel beider Dip-