Imre Jakabffy (szerk.): Ars Decorativa 2. (Budapest, 1974)

KISS, Ákos: Kunstgewerbliche Angaben zur neohellenischen Stilrichtung im 19 Jahrhundert

ÁKOS KISS KUNSTGEWERBLICHE ANGABEN ZUR NEOHELLENISCHEN STILRICHTUNG IM 19. JAHRHUNDERT Die kunstgeschichtliche Forschung hat es bisher kaum berücksichtigt, dass es im Zuge der historischen Kunstsymptome des 19. Jahrhunderts, zwischen den Hauptströ­mungen der Romantik und der Neo­renaissance auch eine neuere antikisierende Richtung noch gegeben hat, die vom Klassizismus der ersten Hälfte des Jahr­hunderts abweicht und voll und ganz auf dem Formennachlass des antiken Grie­chenlands basiert. Bis zum 18. Jahrhundert konnten näm­lich unter den Kunstepochen immer nur die Formen der römischen Kaiserzeit wir­ken; die griechische Welt konnte sich erst­malig den Reisenden des Zeitalters der Aufklärung erschliessen. 1 Wedgwood be­nützte bereits — von ihm für etruskisch gehaltene, weil aus Italien stammende — griechische Vasen als Vorbild; das Direc­toire und Empire bediente sich jedoch er­neut ohne Wahl und vermischt aus dem damals überhaupt erkennbaren antiken, vor allem römischen Formenschatzkreis. Erst von den 1840-er Jahren ist zu beobachten, dass man sich den griechischen Ornament­motiven zuwandte, als paradoxe Parallele zu dem eben im Rückgang befindlichen Neoklassizismus. Die literarischen Paralle­len und Beweggründe können wir auch reichlich in der europäischen Schönliteratur der Jahrzehnte auffinden, die mit grossem Enthusiasmus die Werte der griechischen Dichtkunst entdeckte und diese als Vor­bild anwandte (Shelley, Keats, Hölderlin. Leconte de Lisle und andere). Doch die Vierziger jähre des Jahrhunderts sind mit Abneigung gegenüber der eben im Rück­gang befindlichen klassizistischen Haupt­richtung erfüllt, so trafen die antikefeind­lichen Angriffe von Viollet-le-Duc und J. Ruskin gleichzeitig auch den sich entfalten­den neuen Hellenismus, den neuen Stil der Palmette-, Akanthusranken- und Mean­derformen des Babylonismus beschuldi­gend. Der in der neogotischen und modernen Neorenaissance, im Stil der Zukunft glei­chermassen schaffende F. Schinkel, der uni­verselle Baumeister-Ornamentenkünstler des 19. Jahrhunderts entwarf selbst auch nach den neuen griechischen Formen. Diese seine Tätigkeit fiel aber zum Teil genauso in das Gebiet des Kunstgewerbes, wie das der übrigen schöpferischen Epochen. Im neohellenischen künstlerischen Nachlass Schinkels finden wir gleichermassen innere Dekorationen, Möbel, Goldschmiedearbei­ten, ja sogar auch Kachelöfen. 2 Doch auch der Hauptschlichter der Neorenaissance, G. 143

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