Hirtenfeld's Oesterreichischer Militär-Kalender 1856 (Wien, 1856)
139 dem Parlament von Paris überlaffen, was so gut war, als wenn der Erzherzog denselben bereits entsagt hätte. Unserer Aufgabe gemäß können wir unmöglich allen den Wirren folgen, in welche der Kaiser mit den Niederländern, mit Frankreich, Italien, den Schweizern ge- rieth, wir müßten sonst die Geschichte dieser Länder schreiben; nur so viel ist zu erwähnen, daß die Stände des deutschen Reichs ihrer Gewohnheit gemäß ihn überall im Stich ließen, daß es von ihrer Seite immer beim Versprechen blieb und nie zum Halten kam, und daß der Kaiser in seinen Fehden mit den Schweizern und Venezianern wenig Glük hatte. Glüklicher war er in Stiftung von Heiraten; nach dem Vorbilde seiner eigenen, gelang ihm die Erwerbung Spaniens für das Haus Oesterreich mittelst seines Sohnes, des Erzherzogs Philipp, ebenso bereitete er durch die Wechselheirat seiner beiden Enkel Ferdinand und Maria mit Anna und Ludwig, den Kindern Wladislaws, Königs von Ungarn und Böhmen, den künftigen Anfall der böhmischen und ungarischen Königreiche an das Haus Oesterreich vor Die Fortschritte der stegenden Türken und jene der durch Luthers Lehre sich verbreitenden kirchlichen Refor- inazion veranlaßte ihn, einem deshalb nach Augsburg im April 1518 ausgeschriebenen Reichstag in Person beizuwohnen. Der Kaiser schlug den Ständen einen allgemeinen Heerzug gegen die Türken vor, welche durch ihre stets wachsende Macht Europa mit immer größer» Gefahren bedrohten.. Seine Rede wurde durch den Kardinal Thomas Kajetanus aufs nachdrüklichste unterstüzt; auch hatte der Pabst Leo X. alle christlichen Staaten zu diesem Zuge auffordern lassen, und dem Kaiser überreichte der Kardinal im Namen des Pabstes am 1. August 1518 einen geweihten Hut und Degen, wodurch ihn Leo X. als obersten Feldherrn des christlichen, gegen die Türken zu errichtenden Heeres bestätigte. Aber auch hier nahm bei den Reichsständen die Sache den gewöhnlichen Gang wie früher. Die Fürsten wollten sich die Sache erst zu